Foto: A. Lange & Söhne
Der zweite Zeiger
Zwei Läufer, ein Zeitnehmer, der Daumen auf dem Drücker der Stoppuhr. Der erste Läufer geht durchs Ziel, der Zeitnehmer will diesen Moment festhalten. Aber der zweite ist noch auf der Bahn, und auch seine Zeit zählt. Drückt er jetzt, steht die Uhr. Drückt er nicht, ist der Moment verloren.
Für dieses Problem gibt es eine Lösung, und sie hat einen französischen Namen: Rattrapante, von „rattraper“, einholen. Gemeint ist ein zweiter Stoppzeiger, der sich unabhängig vom ersten anhalten lässt. Er friert die Zeit des ersten Läufers ein, während der Hauptzeiger weiterläuft. Dann wird er losgelassen und holt den Hauptzeiger wieder ein. Zwei Läufer, eine Uhr, nichts geht verloren. Im Deutschen spricht man von einem Schleppzeiger-Chronographen.
Das klingt einfach. Es ist eine der schwierigsten Aufgaben der Uhrmacherei. Und es ist eine Disziplin, in der sich A. Lange & Söhne seit fast drei Jahrzehnten besonders hervorgetan hat. Die Glashütter Manufaktur hat 13 Chronographen entwickelt, darunter einige, die die Möglichkeiten der Kurzzeitmessung erheblich erweitert haben.
Wie weit die Glashütter Manufaktur damit gekommen ist, zeigt der Triple-Split-Chronograph, der gerade in einer neuen Variante erschienen ist.

Der Triple Split: sechs Zeiger für zwölf Stunden
Der Triple Split ist seit seiner Vorstellung 2018 ein außergewöhnlicher Chronograph. Während eine klassische Rattrapante-Uhr Zwischenzeiten innerhalb einer Minute festhalten kann, ermöglicht er Vergleichsmessungen über bis zu zwölf Stunden. Möglich machen das drei Paare von Stoppzeigern: eines für die Sekunden, eines für die Minuten und eines für die Stunden.
Die jeweils übereinanderliegenden Zeiger bewegen sich zunächst gemeinsam. Wird die Rattrapante-Funktion betätigt, bleiben die drei gebläuten Zeiger stehen und zeigen die Zwischenzeit an. Ihre silberfarbenen Partner laufen weiter. Auf erneuten Knopfdruck holen die angehaltenen Zeiger sie wieder ein. So lassen sich beispielsweise bei einem Marathon Zwischenzeiten festhalten und später auch die Zielzeiten zweier Läufer vergleichen.
Im September 2026 hat die Manufaktur eine neue Ausführung dieses technisch außergewöhnlichen Chronographen vorgestellt. Die auf 100 Exemplare limitierte Edition besitzt ein Gehäuse aus 950er Platin und ein rhodiéfarbenes Zifferblatt. Darauf heben sich die beiden dunkelgrauen Hilfszifferblätter deutlich ab. Gebläute Zeiger und sparsame rote Akzente setzen weitere Kontraste.

Mit einem Durchmesser von 43,2 Millimetern und einer Höhe von 15,6 Millimetern ist der Triple Split kein zierlicher Zeitmesser. Die Abmessungen lassen bereits erahnen, wie viel Mechanik sich hinter dem Zifferblatt verbirgt. Im Inneren arbeitet das eigens entwickelte Handaufzugskaliber L132.1. Seine Konstruktion sorgt dafür, dass die sechs Stoppzeiger unabhängig voneinander angehalten und wieder zusammengeführt werden können. Hinzu kommen eine Flyback-Funktion, mit der sich eine neue Zeitmessung unmittelbar starten lässt, und eine Gangreserve von bis zu 55 Stunden.
Die neue Platinversion ist die dritte Ausführung des Triple Split. Auf die ursprüngliche Variante in Weißgold mit grauem Zifferblatt folgte 2021 eine Version in Rotgold mit blauem Zifferblatt. An der grundlegenden Konstruktion hat sich nichts geändert. Die Neuheit setzt vielmehr auf eine andere Material- und Farbkomposition – und rückt damit eine der bemerkenswertesten Entwicklungen der jüngeren Uhrmacherei erneut ins Blickfeld.
Ein vielversprechender Neubeginn
Als A. Lange & Söhne 1999 den Datograph vorstellte, war die Wiederbelebung der traditionsreichen Marke gerade neun Jahre her. Nach der Enteignung des Unternehmens in der Nachkriegszeit hatte Walter Lange (1924–2017), Urenkel des Firmengründers Ferdinand Adolph Lange, 1990 den Neuanfang in Glashütte gewagt. 1994 folgte die erste Kollektion moderner Armbanduhren.
Mit dem Datograph präsentierte die Manufaktur fünf Jahre später ihren ersten Chronographen mit einem vollständig selbst entwickelten Uhrwerk. Eine beachtliche Leistung, denn selbst renommierte Uhrenhersteller griffen damals häufig auf Chronographen-Werke spezialisierter Zulieferer zurück.

Der Datograph überzeugte nicht nur durch seine eigenständige Konstruktion. Auch sein Zifferblatt erhielt eine unverwechselbare Gestaltung: Das charakteristische Großdatum bei zwölf Uhr bildet mit den beiden darunter angeordneten Hilfszifferblättern ein ausgewogenes Dreieck.
Zu den technischen Besonderheiten gehörten ein exakt springender Minutenzähler und die sogenannte Flyback-Funktion. Sie erlaubt es, eine laufende Zeitmessung mit einem einzigen Tastendruck auf null zurückzusetzen und sofort neu zu starten. Bei einem gewöhnlichen Chronographen sind dafür mehrere Bedienschritte notwendig.
Der Datograph wurde zum Ausgangspunkt einer ganzen Reihe anspruchsvoller Entwicklungen. Besonders intensiv beschäftigten sich die Lange-Konstrukteure in den folgenden Jahren mit der Rattrapante-Funktion.
Vom Sprint zum Marathon
Bei einem klassischen Schleppzeiger-Chronographen lassen sich Zeitspannen innerhalb einer Minute vergleichen. Für die beiden Läufer auf der Sprintbahn mag das genügen. Bei längeren Rennen stößt die Konstruktion jedoch an ihre Grenzen.
2004 stellte A. Lange & Söhne den Double Split vor. Erstmals in der Geschichte der Feinuhrmacherei verfügte ein Chronograph über eine Doppel-Rattrapante: Nicht nur die Sekunden, sondern auch die Minuten konnten unabhängig voneinander gestoppt und verglichen werden. Damit verlängerte sich der mögliche Messbereich von 60 Sekunden auf 30 Minuten.
Vierzehn Jahre später folgte der Triple Split. Mit zwei zusätzlichen Stundenzählern erweiterte die Manufaktur die Vergleichsmessung auf bis zu zwölf Stunden. Nun ließen sich selbst die Zeiten zweier Marathonläufer oder die Dauer deutlich längerer sportlicher Wettkämpfe erfassen und vergleichen.
Hinter dieser Erweiterung steckt erheblicher konstruktiver Aufwand. Die verschiedenen Zeiger und Zähler müssen sich unabhängig voneinander anhalten und anschließend wieder mit den weiterlaufenden Anzeigen synchronisieren lassen. Gleichzeitig soll die zusätzliche Mechanik den zuverlässigen Gang der Uhr möglichst wenig beeinflussen.
Mit dem Triple Split erreichte die Manufaktur 2018 einen Höhepunkt ihrer Chronographen-Entwicklung. Die Uhr zeigt, wie weit sich eine traditionelle mechanische Funktion durch eigenständige Konstruktionen ausbauen lässt.
Technik, die auch das Aussehen bestimmt
Die Kompetenz der Glashütter Manufaktur zeigt sich allerdings nicht nur in immer aufwendigeren Funktionen. Auch die Gestaltung ihrer Chronographen verlangt mitunter ungewöhnliche technische Lösungen.
Ein Beispiel ist der Odysseus Chronograph von 2023. Die sportlich-elegante Odysseus-Familie, die A. Lange & Söhne 2019 eingeführt hatte, ist an ihrem Großdatum und der Wochentagsanzeige zu erkennen. Diese charakteristische Anordnung sollte auch beim Chronographen erhalten bleiben.

Bei vielen klassischen Chronographen befinden sich die zusätzlichen Anzeigen auf kleinen Hilfszifferblättern. Für die Odysseus entwickelten die Konstrukteure dagegen eine Lösung, bei der sowohl der Chronographen-Sekundenzeiger als auch der Minutenzähler in der Mitte des Zifferblatts sitzen. Der rote Sekundenzeiger und der an seiner rautenförmigen Spitze erkennbare Minutenzähler übernehmen die Stoppfunktion, ohne dass zusätzliche Hilfszifferblätter notwendig sind.
So blieb das Erscheinungsbild der Odysseus erhalten, obwohl in ihrem Inneren ein eigens entwickeltes Chronographen-Werk arbeitet.
Dahinter steht eine Besonderheit der Lange-Uhrmacherei: Die Manufaktur verwendet für ihre Chronographen nicht einfach ein vorhandenes Basiswerk, das für unterschiedliche Modelle angepasst wird. Stattdessen entsteht für jede Uhr eine eigene Konstruktion, die auf ihre Funktionen und ihre Gestaltung abgestimmt ist.
Dieser Aufwand eröffnet Möglichkeiten, die mit einem bereits festgelegten Werk nur schwer zu verwirklichen wären. Beim Datograph zeigt sich das in der klassischen Anordnung seiner Anzeigen, beim Odysseus Chronograph in der ungewöhnlichen zentralen Zeigerführung. Die traditionell gestaltete 1815 Rattrapante wiederum orientiert sich an historischen Schleppzeiger-Chronographen.
Wenn die Mechanik noch komplizierter wird
Zu den aufwendigsten Arbeiten von A. Lange & Söhne gehören Chronographen, die mehrere anspruchsvolle Funktionen miteinander verbinden.
Bereits 2006 präsentierte die Manufaktur mit dem Datograph Perpetual einen Chronographen mit ewigem Kalender und Großdatum. Ein solcher Kalender berücksichtigt die unterschiedlichen Monatslängen und Schaltjahre selbstständig.
Noch komplexer sind Konstruktionen wie der Tourbograph Perpetual „Pour le Mérite“, der unter anderem einen Schleppzeiger-Chronographen, einen ewigen Kalender und ein Tourbillon vereint. Letzteres ist ein aufwendig gelagerter Drehkäfig, in dem sich Teile der Hemmung und Unruh befinden.
Die 2013 vorgestellte Grand Complication kombiniert neben einem Schleppzeiger-Chronographen und einem ewigen Kalender auch mehrere Schlagwerksfunktionen. Sie können die Uhrzeit akustisch wiedergeben. Bei dieser Uhr genügt ein einziger Drücker, um die Stoppfunktion nacheinander zu starten, anzuhalten und zurückzustellen – eine Anspielung auf frühe Chronographen-Konstruktionen.

Solche Kombinationen stellen besondere Anforderungen an die Entwicklung und Fertigung. Denn die einzelnen Mechanismen müssen auf engstem Raum zusammenarbeiten. Hinzu kommen die sorgfältige Montage und die aufwendige Veredelung der zahlreichen Bauteile.
„Jedes Projekt hat unser Verständnis für diese anspruchsvolle Komplikation erweitert und neue Erkenntnisse hervorgebracht, die in die folgenden Entwicklungen eingeflossen sind“, erklärt Anthony de Haas, Direktor der Produktentwicklung bei A. Lange & Söhne.
Inzwischen umfasst die Geschichte der Lange-Chronographen rund drei Jahrzehnte. Vom Datograph über den Double Split bis zum Triple Split lässt sich verfolgen, wie die Manufaktur die mechanische Kurzzeitmessung Schritt für Schritt erweitert hat.
Was 1999 mit dem Datograph begann, entwickelte A. Lange & Söhne Schritt für Schritt weiter. Eine klassische Rattrapante ermöglicht Vergleichsmessungen von bis zu 60 Sekunden – genug für einen Sprint. Mit dem Double Split verlängerte die Manufaktur diese Spanne 2004 auf 30 Minuten, ausreichend für einen 10.000-Meter-Lauf auf Weltklasseniveau. Der Triple Split schließlich machte 2018 den Sprung auf zwölf Stunden. Damit lassen sich selbst bei einem Ultramarathon noch Zwischen- und Vergleichszeiten erfassen. Beim Sprint entscheiden Hundertstelsekunden, beim Ultramarathon können Stunden zwischen zwei Läufern liegen. Der Triple Split behält beide im Blick.