Freitag, 23. Februar 2024
Freitag, 23.02.24
Logo Substantial Times
Magazin für modernes Leben
Abstraktes Bild von Teilen eines Uhrwerks, kubistisch dargestellt in Grüntönen Bild: Substantial Times, kreiert mit DALL-E
Gastbeitrag von Gisbert L. Brunner

Im grünen Maschinenraum der Zeit

Gisbert L. Brunner ist der internationale Doyen der Uhrenjournalisten. In der Welt der Zeitmesser kennt sich keiner aus wie er. Er erfüllte uns den Wunsch, den ersten Gastbeitrag für dieses Ressort zu schreiben. Das Thema: Wie nachhaltig sind mechanische Uhren? Wir hätten auch fragen können: Wie enkeltauglich? Denn auch in diesem Bereich ist er inzwischen Experte.
Bild: Substantial Times, kreiert mit DALL-E

Alle Welt redet von Ökologie und Nachhaltigkeit. Jene der Uhren natürlich auch. Aber im Grunde genommen leisten mechanische Zeitmesser schon seit ihrer Erfindung im späten 13. Jahrhundert einen zwar kleinen, dennoch bemerkenswerten Beitrag zum Schutz unserer Umwelt. Einmal hergestellt, war und ist ihr Ausstoß an schädlichem CO₂ nämlich gleich null. Kontinuierliche Miniaturisierung führte sie 1571 erstmals ans Handgelenk. Nachhaltige Fortschritte löste Christiaan Huygens durch die Erfindung des gangregelnden Paars aus Unruh und Unruhspirale im Jahr 1674 aus. Schließlich bewirkten Materialforschung sowie ein breites Spektrum unterschiedlicher Optimierungen außerordentliche Zuverlässigkeit und beinahe unglaubliche Ganggenauigkeit. Bezogen auf die 86.400 Sekunden eines Tages besitzen moderne Armbandchronometer, welche täglich maximal sechs Sekunden von der amtlich definierten Norm abweichen, eine Präzision von 99,993 Prozent. Zudem haben schlaue Köpfe errechnet, dass zum Messen des kostbarsten Guts der Menschen 1/1000.000.000, also ein Milliardstel PS völlig ausreicht. Das minimale Quantum an Kraftstoff erhalten die Mikrokosmen ohne negative Auswirkungen auf die Umwelt. Bei Handaufzugsuhren reichen einige Drehungen an der Krone. Selbstaufzüge generieren das ebenfalls in einer Feder gespeicherte Energiepotenzial ganz nebenbei durch die natürlichen Armbewegungen.

Die nächste Generation freut sich schon

Auch in anderer Hinsicht besitzt diese zeitbewahrende Tradition ein beachtliches Zukunftspotenzial. Bei regelmäßiger Pflege lassen sich die stoisch tickenden Objekte nämlich immer wieder vererben. Genau das tut die Genfer Uhrenmanufaktur Patek Philippe in ihrer äußerst erfolgreichen Werbung kund. Eine feine mechanische Uhr gehört einem nie allein. Die nächste Generation freut sich schon darauf. Mit etwas Glück wächst im Laufe der Jahre oder Jahrzehnte auch der Wert. Mehr kann man eigentlich nicht erwarten. Aber in diesem Zusammenhang darf eine Analogie zu Immobilien nicht vergessen werden. Was dort die Lage und nichts als die Lage ist, bedeutet bei Uhren die Marke. Von Billigprodukten beispielsweise chinesischer Provenienz sollte man mit Blick auf nachhaltige Werte also tunlichst die Finger lassen. Übrigens zeigt sich die moderne Seite der Tradition schon im Zuge der Herstellung. 

Im Jahr 2015 neu eingeweihtes Manufakturgebäude von A. Lange & Söhne in Glashütte. Eine Erdwärmepumpe in Verbindung mit Ökostrom sorgt für eine CO₂-freie Energieversorgung. Die dafür installierte Geothermieanlage ist bis dato die größte im Freistaat Sachsen.
Im 2015 eingeweihten neuen Manufakturgebäude von A. Lange & Söhne in Glashütte sorgt eine Erdwärmepumpe in Verbindung mit Ökostrom für eine CO₂-freie Energieversorgung. Die dafür installierte Geothermieanlage ist bis dato die größte im Freistaat Sachsen.Foto: A. Lange & Söhne

Umweltfreundliche Handarbeit besitzt auch im 21. Jahrhundert einen hohen Stellenwert. Viele Uhrenfabrikanten, von A. Lange & Söhne über Audemars Piguet, Chopard, Grand Seiko, IWC, Jaeger-LeCoultre, Nomos, Patek Philippe bis hin zu Rolex, um an dieser Stelle nur einige zu nennen, haben ihre Produktionsstätten in den zurückliegenden Jahren energetisch konsequent optimiert. Sie folgten dabei dem in der Uhr-Schweiz seit 1998 geltenden Minergie-Standard für Komfort, Effizienz und Werterhalt. In diesem Sinne nutzen sie mittlerweile erneuerbare Energien. Öl und Gas, also fossile, Kohlendioxid erzeugende Brennstoffe, sind vielerorts tatsächlich kein Thema mehr. Sie gewinnen die von Produktionsmaschinen erzeugte Wärme zurück und bereiten Flüssigkeiten sorgfältig auf. „Minergie“ heißt das Zauberwort, also minimale Energie.

Ganz ohne fossile Brennstoffe

Bei der Audemars Piguet „Manufacture des Forges“ in Le Brassus handelt es sich um eines der ersten Schweizer Industriegebäude, dessen Konzeption die rigiden Vorgaben des Qualitäts-Labels „Minergie-Eco“ für gesunde und ökologische Bauweise einhält. Für die ausschließliche Verwendung schadstofffreier und umweltfreundlicher Materialien erhielt die Familien-Manufaktur im Frühjahr 2010 eine Auszeichnung des eidgenössischen Immobilienmanager-Magazins. Zu den Baustoffen gehören unter anderem Fiberzement für die Fassaden, eloxiertes Aluminium für die Fensterrahmen, FSC-zertifiziertes Holz für die Parkettböden und umweltfreundliche Farben auf Wasserbasis. Eine CO₂-neutrale Holzfeuerungsanlage erlaubt den völligen Verzicht auf fossile Brennstoffe wie Öl oder Gas. Diese versorgt nicht nur die Audemars Piguet-Betriebsstätte, sondern auch mehr als hundert Häuser der Ortschaft mit Wärme. An die Stelle herkömmlicher Klimaanlagen trat ein „Free-Cooling“-System, welches optimal auf die klimatischen Bedingungen des abgeschiedenen, rund 1.000 Meter hoch gelegenen Joux-Tals abgestimmt wurde und die Außenluft zur Kälteerzeugung nutzt. Das moderne Gebäude bietet den dort tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern größtmöglichen Komfort. Die 1992 anlässlich des 20. Jubiläums der Royal Oak ins Leben gerufene Fondation Audemars Piguet überwacht die Einhaltung der Kriterien zur Minergie-Eco-Zertifizierung. Darüber hinaus engagiert sich die Stiftung für die Rettung bedrohter Wälder.
Gegenstand zahlreicher Überlegungen waren auch die teils weiten Wege beispielsweise aus Frankreich zur eidgenössischen Arbeitsstätte und zurück nach Hause. Organisierte Fahrgemeinschaften und eigene Buslinien sparen bei den oftmals jenseits großer Städte agierenden Protagonisten der mechanisch gemessenen Zeit wertvolle Ressourcen.

Herzschlag menschlicher Kultur

Unter diesen Vorzeichen passt die konsequente Bewahrung des Überlieferten perfekt in unsere schnelllebige Zeit. Das Ticken der mechanischen Uhr ist und bleibt der Herzschlag menschlicher Kultur. Besagte Langlebigkeit ist bei Smartwatches, welche sich heutzutage an Abermillionen von Handgelenken finden, überhaupt kein Thema. Nach vier oder fünf Jahren endet ihr Lebenszyklus, weil rasante Entwicklungen auf dem Gebiet der Software und Elektronik das Innenleben heillos überfordern. 
Über das Gesagte hinaus liegen re- oder upgecycelte Werkstoffe voll im Trend unserer Tage. Natürlich machen die minimalen Mengen an Material, die es für Uhrenschalen oder -bänder bracht, das Kraut nicht fett. Andererseits rückt jedwede Initiative die Tatsache ins Bewusstsein, dass es auf unserem Blauen Planeten tatsächlich ganz kurz vor zwölf ist. Nichts, aber auch rein gar nichts spricht dagegen, Reste von Fischernetzen für Gehäuse oder Armbänder zu nutzen. Auch eingeschmolzener Stahl lässt sich problemlos wiederverwenden. 

Pioniere in Sachen Fairmined Gold

Bei Gold ergriff unter anderem Chopard schon 2013 die Initiative zur Verwendung fair gewonnen Edelmetalls. Menschen, die hochrangige Luxus-Armbanduhren kaufen, können sich die eher unkomfortablen Lebensbedingungen der Werktätigen an der Basis der Wertschöpfungskette nur selten realistisch vorstellen. Am Anfang stand die Kooperation mit einer einflussreichen südamerikanischen Bergbau-NGO. Selbige steht hinter dem Fairmined-Standard für Gold, das von Kleinbergbauern mit handwerklichen Verfahren gewonnen wird. Damit die Kunden beim Kauf einer entsprechend gekennzeichneten Armbanduhr auch tatsächlich in den Genuss ethisch gewonnen Goldes kommen, erfolgen die Schmelzvorgänge streng getrennt in den eigenen Genfer Öfen. „Bevor wir diese Art von Gold verarbeiten“, so Chopard-Co-Präsident Karl-Friedrich Scheufele, „sorgen wir durch gründliche Reinigung dafür, dass sich das eine nicht mit dem anderen vermischt. Auch die bei der Gehäusefertigung entstehenden Abfälle sammeln wir für das Recycling separat ein.“

Eine L.U.C Tourbillon QF Fairmined von Chopard aus dem Jahr 2014. Die welterste Haute-Horlogerie-Luxusuhr, die in Fairmined Gold gefertigt ist. Seit Juli 2018 verwendet das Haus 100 Prozent ethisch produziertes Gold in seinen Uhren- und Schmuckwerkstätten.
Mit dem „L.U.C Tourbillon QF Fairmined“ präsentierte Chopard im Jahr 2014 die welterste Haute-Horlogerie-Luxusuhr, die in Fairmined Gold gefertigt ist. Seit Juli 2018 verwendet das Haus 100 Prozent ethisch produziertes Gold in seinen Uhren- und Schmuckwerkstätten.Foto: Chopard

Dem nach wie vor beliebten Thema Diamanten auf Uhren gab Breitling erstmals im letzten Quartal des Jahres 2022 eine neue Richtung. Das Handeln von CEO Georges Kern und seinem Team zielt gleichermaßen auf Nachhaltigkeit und Transparenz. Im Zuge dessen ersetzen im Labor gezüchtete Diamanten Zug um Zug solche aus tiefen Minen. Bis 2024 soll dieser Umstieg abgeschlossen sein. Des Weiteren tritt Gold aus kleinem kooperativem Bergbau zunehmend an die Stelle von industriell gewonnenem Material. Als Ziel für den kompletten Wandel auf diesem Gebiet nennt Breitling das durchaus absehbare Jahr 2025. Auf diese Weise erhält die anspruchsvolle Klientel Auskünfte über eine vollkommen transparente Lieferkette.

Runter mit den Emissionen

Oris schreibt Ökologie und Nachhaltigkeit schon seit 2016 groß. Die globale Strategie der unabhängigen Uhrenmanufaktur zielt auf den dringend gebotenen Wandel zum Besseren. Alle Resultate entsprechenden Handelns werden von ClimatePartner dokumentiert. Nach den Berechnungen des 2006 in München gegründeten Unternehmens hat Oris 2019 summa summarum 2.300Tonnen CO₂ produziert. Reduziert wurde dieser Wert unter anderem durch eine energetische Sanierung des 1904 errichteten Produktionsgebäudes. Solarzellen erzeugen 60 Prozent des benötigten Stroms. Der Rest entstammt sauberen Energiequellen. Analog zu Nomos in Glashütte und Berlin besteht ein weiterer Schritt in der Nutzung elektrisch angetriebener Fahrzeuge. Geschäftlich fliegen Management und Personal nur noch in unumgänglichen Fällen. Allein das mindert die Emissionen um 18 Prozent. Der unbestreitbare Nutzen des Bündels unterschiedlicher Maßnahmen lässt sich im Oris-Nachhaltigkeitsbericht2023 nachlesen. Darin errechnete ClimatePartner für 2022 die globalen Gesamtemissionen mit 2.270 Tonnen CO₂, was einer Reduzierung von 7,8 Prozent gegenüber dem Basisjahr 2019 entspricht. Und dies, obwohl Oris insgesamt sechs neue Boutiquen eröffnet hat, die Mitarbeiterzahl erhöhte und sein Geschäft weiter ausbaute.

Auch Uhren sollten weniger fliegen

Auf den ersten Blick hat das, was Rolex in Genf und Köln seit 2014 mit großem Engagement tut, mit Nachhaltigkeit wenig zu tun. Indessen wandelt sich das Bild beim genaueren zweiten Hinsehen. Gemeint ist die Ausbildung qualifizierten uhrmacherischen Nachwuchses. Ihren –zunehmend geringeren – CO₂-Fußabdruck haben mechanische Uhren bei der Herstellung sowie dem Versand in die weite Welt hinterlassen. Danach sind die tickenden Kleinodien weitestgehend klimaneutral. Damit das bereits angesprochene Vererben tatsächlich klappt und die nächsten Generationen auch weiterhin ihren Spaß haben, braucht es regelmäßigen Service. Spätestens nach sieben Jahren sollten die gründliche Reinigung, der Austausch verschlissener Komponenten und die Versorgung mit frischem Schmiermittel stattfinden. Langes Leben im Dienst der Zeitmessung steht dann außer Frage. Ohne kompetente Fachkräfte, welche die kleinen Mechanismen prüfen, zerlegen, warten und wieder zusammenbauen können, lässt sich das nicht bewerkstelligen. Aus diesem Grund widmet sich Rolex mit großer Hingabe der Ausbildung. Hierfür stehen in Köln, wo sich das deutsche Hauptquartier befindet, seit Oktober 2023 großzügige 800 Quadratmeter bestens ausgestattete Fläche und bei Bedarf auch eine Wohngemeinschaft für die Azubis zur Verfügung. Im modernen Ausbildungszentrum können alles in allem 18 Abiturientinnen oder Abiturienten während drei Jahren das Uhrmacherhandwerk von der Pike auf erlernen. Daneben erfahren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Konzessionären gegen entsprechende Bezahlung eine spezifische Aus- und Fortbildung im Rolex-Netzwerk. Nach eineinhalb Jahren sind auch sie fit für den Kundendienst rund um die Uhren der Genfer Traditionsmanufaktur. Ausbildung dieser Art steht natürlich auch bei anderen Uhrenmarken, darunter A. Lange & Söhne in Glashütte, hoch im Kurs. 
Auf den Gebieten Nachhaltigkeit, Ökologie und Zukunftsorientierung steht die Erdbevölkerung vor riesigen Herausforderungen. In gleichem Maße betroffen ist natürlich auch die relativ kleine Welt der Uhren. Immer mehr Firmen wissen um ihre Verantwortung. Und sie handeln dementsprechend. Chapeau!

Über Gisbert L. Brunner

Uhrenexperte Gisbert L. Brunner
Foto: Katrin Brunner

Gisbert L. Brunner, Jahrgang 1947, beschäftigt sich seit 1964 mit Armbanduhren, Pendeluhren und anderen Präzisionszeitmessern. Während der sogenannten Quarzkrise in den 1970er-Jahren wuchs seine Liebe zu den vom Aussterben bedrohten mechanischen Zeitmessern. Sein leidenschaftliches Sammelhobby führte ab den frühen 1980er-Jahren zu ersten Zeitschriftenartikeln und inzwischen mehr als 30 Büchern über das Metier. Brunner schreibt für Publikationen wie Chronos Japan, Materialist, Prestige, Watch Around, 0024 Horloges und ZEITmagazin. In der Jury des Red Dot Awards wirkt er als Uhrenjuror mit. 
2018 gründete Gisbert Brunner zusammen mit seinem Partner Wolfgang Winter die Internet-Plattform Uhrenkosmos www.uhrenkosmos.com
Nach dem Erfolg seiner Bücher „Watch Book I“ (2015) und „Watch Book II“ (2016) brachte der teNeues Verlag 2017 das „Watch Book Rolex“ in deutscher, englischer und französischer Sprache heraus, 2023 bereits in vierter Auflage. Ebenfalls 2023 erschienen im teNeues Verlag das „Watch Book Oris“ und die Neuauflage des „Watch Book Compendium“. 

envelopeexit-upcrossarrow-up