Foto: Nicole Marianna Wytyczak
Im Dauerstress
Wer den österreichischen Pavillon auf der 61. Biennale von Venedig betritt, landet nicht in einer Ausstellung, sondern in einem Zustand. Mit Seaworld Venice verwandelt Florentina Holzinger den von Nora-Swantje Almes kuratierten Länderbeitrag in eine Mischung aus Performance, Installation und ökologischem Szenario. Der Pavillon wird zugleich Sakralraum, Unterwasserwelt und technisches Labor.

Die Glocke
Schon der Auftakt setzt den Ton. Eine aus der Lagune geborgene Glocke - so das Narrativ – hängt über dem Eingang und wird stündlich von einer Performerin mit ihrem eigenen Körper angeschlagen. Das Ritual mutet zunächst feierlich an, entwickelt jedoch schnell etwas Disziplinierendes. Die Glocke macht Zeit körperlich erfahrbar. Ihr Klang strukturiert den Raum wie ein ständiger Erinnerungsruf daran, dass hier niemand ganz zur Ruhe kommt.

Das Wasser
Wasser ist das zentrale Medium der Arbeit. Es fließt, sammelt sich und wird kontrolliert. In einer Stadt, deren Existenz seit Jahrhunderten vom Wasser geprägt ist, liegt dies nahe. Holzinger nutzt das Element jedoch nicht als atmosphärische Kulisse, sondern als aktive Kraft. Wasser wird Teil eines Systems, das jederzeit aus dem Gleichgewicht geraten kann.

Die Körper
Seit Jahren beschäftigt sich Holzinger mit den Grenzen körperlicher Belastbarkeit. In Venedig führt sie diese Auseinandersetzung konsequent fort. Die Performer:innen erscheinen nicht als Figuren einer Geschichte, sondern als Teil eines Gefüges. Sie klettern, balancieren, verharren und erschöpfen sichtbar. Nacktheit wirkt dabei weniger als Provokation denn als Mittel der Vereinheitlichung. Die Körper wirken verletzlich und zugleich funktional, als würden sie auf permanente Anforderungen reagieren.

Besonders stark ist die Arbeit dort, wo sie ihre eigene Spektakelhaftigkeit offenlegt. Manche Szenen sind klar auf maximale Bildwirkung hin gebaut. Doch Holzinger versteckt diesen Mechanismus nicht, sondern integriert ihn in die Inszenierung. Die Performance weiß, dass sie betrachtet wird, und arbeitet genau damit. Zu den eindrücklichsten Bildern gehören Roboterhunde, die einen zentralen Bereich überwachen, der wie ein Opferaltar wirkt. Daneben stehen ein Aquarium und Dixi-Toiletten. Gegenüber rotiert eine große Wetterfahne, deren Form an Darstellungen der Kreuzabnahme erinnert. Religiöse Motive tauchen immer wieder auf, werden aber nicht zitiert, sondern in Bewegung gesetzt.
Die Ordnung
Auch kunsthistorische Bezüge sind klar erkennbar. Eine wichtige Referenz ist Giorgiones „Schlafende Venus“. Der liegende Körper der Renaissance erscheint hier nicht mehr als Ideal, sondern als Rest einer Ordnung, deren Versprechen brüchig geworden ist. Daneben lassen sich Anklänge an die Bildwelten des Hieronymus Bosch erkennen. Besonders die Glocke wirkt wie ein permanentes Warnsignal, weniger religiös als apokalyptisch.

Im hinteren Teil des Pavillons kippt die Arbeit zunehmend ins Dystopische. Technische Anlagen, Wasserkreisläufe und menschliche Körper verschmelzen miteinander. Fortschritt erscheint hier nicht als Lösung, sondern als weiterer Faktor der Überforderung. Die Grenze zwischen Kontrolle und Kontrollverlust wird unscharf.
Der Zustand
Nicht jede Szene überzeugt gleich stark. Manche Bilder wirken überladen, manche Symbole sehr direkt. Trotzdem bleibt Seaworld Venice eindrucksvoll. Die Arbeit entwickelt eine physische Präsenz, der man sich kaum entziehen kann. Statt Antworten zu liefern, erzeugt sie Zustände, und genau darin liegt ihre Stärke. Am Ende verlässt man den Pavillon nicht mit einer klaren Botschaft, sondern mit einem Gefühl. Erschöpfung, Reizüberflutung und eine diffuse Bedrohung bleiben zurück. Holzinger liefert statt einer Analyse der Gegenwart deren körperliche Erfahrung.

Weitere Infos:
Die 61. Internationale Kunstausstellung der Biennale Arte findet vom 9. Mai bis 22. November 2026 in den Giardini, im Arsenale sowie an zahlreichen weiteren Ausstellungsorten in Venedig statt. Der österreichische Pavillon befindet sich in den Giardini. Weitere Informationen zu Öffnungszeiten, Tickets und dem Begleitprogramm gibt es auf der offiziellen Website der Biennale.
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