Mittwoch, 20. Mai 2026
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Besucherinnen und Besucher der Biennale Arte 2026 in Venedig während einer Performance im Freien zwischen Musik, Farben und kulturellen Begegnungen Foto: Jacopo Salvi
Biennale Arte 2026

Die Kunst, wieder Freude zu empfinden

Venedig und die Sehnsucht unserer Zeit, wieder mit allen Sinnen zu fühlen.
Foto: Jacopo Salvi

Es gibt historische Momente, in denen die Kunst aufhört, bloße ästhetische Sprache zu sein, und zur emotionalen Notwendigkeit wird. Zu etwas, das alle Sinne gleichzeitig weckt.

Genau das spürt man heute, wenn man Venedig während der Biennale durchstreift. Es handelt sich nicht einfach um eine internationale Ausstellung. Es ist eine kollektive Suche – nach Sinn, nach Sensibilität, nach dem Menschlichen, nach dem Gefühl, Teil von etwas zu sein. Einfach: zu fühlen.

In einer Gegenwart, die von Geschwindigkeit, politischer Instabilität, Informationsüberflutung und wachsender emotionaler Erschöpfung beherrscht wird, scheint die Biennale uns an etwas Wesentliches zu erinnern: Verletzlichkeit ist keine Schwäche. Sie ist eine Form der Verbindung und der Zugehörigkeit.

Besucherinnen und Besucher betrachten farbintensive Kunstwerke in einem Ausstellungspavillon der Biennale in Venedig
Viele Arbeiten dieser Biennale suchen nicht die Provokation, sondern eine unmittelbare emotionale Beziehung zu den Betrachterinnen und Betrachtern. Hier vor einem Kunstwerk der auf Sansibar geborenen britischen Künstlerin Lubaina Himid, die mit ihrer Ausstellung „Predicting History: Testing Translation“ den britischen Pavillon bespielt.Foto: Biennale di Venezia

Das Gefühl, das sich durch viele Pavillons und Gespräche dieser Biennale zieht, ist überraschend weit entfernt vom Zynismus, der das zeitgenössische Kunstfeld oft prägt. Stattdessen tritt eine andere Spannung hervor. Intimer. Tiefer. Fast als Notwendigkeit, die Freude wiederzufinden.

Eine echte, reine, authentische Freude — wie die von Kindern, die zum ersten Mal Material und Farbe erkunden. Jene Form von Freude, die entsteht, wenn man noch nicht verlernt hat, etwas wahrhaftig zu spüren.

Beim Spaziergang zwischen Arsenal und Giardini ist eine Veränderung im Ton unverkennbar. Weniger Monumentalität. Weniger Provokation um ihrer selbst willen. Viele Arbeiten scheinen stattdessen eine emotionale Beziehung zum Betrachter zu suchen. Sie sprechen von Erinnerung, Identität, Spiritualität, Verletzlichkeit, Zugehörigkeit.

Große florale Installation in einem gelben Raum der Biennale Arte 2026 in Venedig
Installation „Temple of Passages“ der indonesisch-brasilianischen Künstlerperson Dan Lie. Das Werk ist derzeit in den Corderie dell'Arsenale als ein zentraler Teil der Hauptausstellung der Biennale zu sehen. Das Kunstwerk erforscht die natürlichen Kreisläufe von Leben, Tod und Zersetzung. Es dient als Bühne für mikrobiologische Prozesse, Pilze und Bakterien. Die Installation besteht aus riesigen Blumengirlanden, Seilen aus Naturfasern und Textilien. Diese verwelken, verblassen und verrotten im Laufe der Ausstellung, was sowohl den Seh- als auch den Geruchssinn anspricht.Foto: Luca Zambelli

Diese Biennale zwingt zu nichts. Sie lädt ein.

Vielleicht berührt sie deshalb etwas Universelleres.

Die kuratorische Vision von Koyo Kouoh (1967–2025) – auch nach ihrem plötzlichen Tod – durchzieht die Biennale wie eine stille, aber mächtige Präsenz. Der Gedanke hinter In Minor Keys betrifft nicht nur den Ton der Ausstellung, sondern eine andere Art, die Welt zu betrachten: weniger aggressiv, weniger auf Lärm ausgerichtet, näher an den emotionalen und spirituellen Nuancen der menschlichen Erfahrung.

Venedig verstärkt diese Sensibilität ganz von selbst. Es ist eine Stadt, die zum Innehalten zwingt. Wo die Zeit sich dehnt, das Wasser alles spiegelt und selbst die Stille ein anderes Gewicht zu haben scheint. Während der Biennale hört die Stadt fast auf, nur ein kulturelles Reiseziel zu sein. Und wird zu einem Geisteszustand.

Porträt der Biennale-Kuratorin Koyo Kouoh vor pinkem Hintergrund in weißem Kleid und weißen Schuhen
Koyo Kouoh galt als eine der wichtigsten Stimmen der internationalen Gegenwartskunst. Die aus Kamerun stammende Kuratorin wäre 2026 die erste Frau vom afrikanischen Kontinent gewesen, die die Biennale in Venedig leitete. Ihren plötzlichen Tod im Jahr 2025 erlebte die Kunstwelt als tiefen Einschnitt. Umso stärker wirkt ihre kuratorische Vision von In Minor Keys heute durch die gesamte Biennale — als leise, aber eindringliche Einladung zu mehr Empfindsamkeit, Resonanz und Menschlichkeit.Foto: Mirjam Kluka

Hier wird Kunst nicht einfach betrachtet. Sie wird durchschritten.

Zwischen Vernissagen, zufälligen Begegnungen, nächtlichen Vaporetti und fast leeren Sälen im Nachmittagslicht geschieht etwas Seltenes: Menschen beginnen wieder, einander zuzuhören.

Vielleicht ist das die eigentliche Stärke der Biennale heute. Nicht so sehr, die Zukunft der zeitgenössischen Kunst vorherzusagen, sondern einen Raum zu schaffen, in dem es noch möglich ist, die Gegenwart mit größerer Tiefe wahrzunehmen.

Denn in einem Zeitalter der Algorithmen, der Beschleunigung und der Polarisierung könnte die eigentliche Revolution die Empfindsamkeit geworden sein.

Freude nicht als Flucht aus der Wirklichkeit, sondern als bewusste Entscheidung, der Welt – trotz ihrer Komplexität – gegenüber offen zu bleiben. Als Fähigkeit, weiterhin Schönheit, Dialog und Vorstellungskraft zu suchen. Auch in unsicheren Zeiten.

Blaue architektonische Skulptur vor historischen Gebäuden im Arsenale der Biennale in Venedig
Im Arsenale präsentiert Philip Aguirre y Otegui sein Werk „Gaalgui Shelter“. Die Skulptur greift das Blau der traditionellen senegalesischen Fischerboote – der sogenannten Gaalgui – auf, die häufig für Überfahrten von Senegal zu den Kanarischen Inseln genutzt werden. Architektonische Motive wie Versteck, Ausguck und Leuchtturm verdichten sich zu einer poetischen Vorstellung von Migration und Schutz. Soziale und politische Themen, insbesondere Fragen der Migration und Geflüchteten, bilden den Kern des humanistischen Werks des belgischen Künstlers.Foto: Biennale di Venezia

Viele der eindringlichsten Arbeiten dieser Biennale erzeugen emotionale Zustände, die in uns weiterarbeiten. Sie öffnen Räume der Reflexion. Sie erinnern uns daran, dass Kunst die Welt nicht zwingend erklären muss, aber helfen kann, sie wieder zu fühlen. Das ist heute schon sehr viel.

Diese Biennale entzieht sich einem einzigen Besuch. Man muss dreimal kommen: hingehen, setzen lassen. Hingehen, wirken lassen. Und nochmal hingehen, wirken lassen. Erst dann beginnt sie, sich wirklich zu erschließen.

Deshalb bleibt Venedig einzigartig. Nicht, weil es eine perfekte Welt repräsentiert – die Widersprüche des Kunstbetriebs sind überall sichtbar –, sondern weil es, zumindest für einige Monate, noch immer etwas Seltenes zu erzeugen vermag: eine Form gemeinsamer kultureller Hoffnung.

Eine Hoffnung, die leise ist. Klar. Tief.

Dieselbe Hoffnung, die man spürt, wenn man abends durch die Calli läuft, über Brücken hinauf und hinunter, nach einem langen Tag auf der Biennale. Und plötzlich merkt, dass man sich nicht nur an die gesehenen Werke erinnert, sondern vor allem an die Gefühle, die geblieben sind. Und die weiter wachsen.

Große baumartige Skulptur mit Vogelfiguren auf dem Gelände der Biennale Arte 2026 in Venedig
Die rund acht Meter hohe Bronzeskulptur von Nick Cave trägt die Körperform des Künstlers. Der Torso ist mit filigranen Blumenreliefs überzogen und wächst in eine baumähnliche Krone aus kahlen Ästen, auf denen rund 50 verschiedene Vogelarten sitzen – ein kraftvolles Bild des Zugs und der Gemeinschaft, das an einen Rastplatz für Zugvögel erinnert. „Amalgam (Origin)“ ist Teil der siebenteiligen Werkreihe „Two Points in Time – At Once“, die sich wie eine Prozession durch das Arsenale zieht und die Phasen der Trauer ebenso durchschreitet wie die Grenzen zwischen Leben und Tod. Foto: Marco Zorzanello

Die 61. Biennale Arte Venedig 2026

Die 61. Biennale Arte findet vom 9. Mai bis 22. November 2026 statt und trägt den poetischen Titel In Minor Keys („In Molltonarten”). Kuratiert wurde sie von der kamerunisch-schweizerischen Kuratorin Koyo Kouoh (1967–2025), die mit diesem Konzept den Fokus verlagern wollte: weg von der „ängstlichen Kakofonie" des globalen Durcheinanders der Gegenwart, hin zu leiseren Tönen von Emotion, Verbundenheit und Erdung.

Nach Kouohs Tod im Mai 2025 setzte ihr Team das Konzept um. Die Ausstellung versteht sich zugleich als Hommage an ihr Wirken. Die Hauptausstellung verteilt sich auf zwei zentrale Schauplätze in den Giardini und im Arsenale und präsentiert 111 Künstlerinnen und Künstler.

Zur Website der Biennale 2026

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