Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2025
„Immer wieder muss die Welt neu gesehen werden“
Was passt besser in unsere Zeit als das Zitat von Karl Schmidt-Rottluff „Immer wieder muss die Welt neu gesehen werden”, das auch der Titel der farbenfrohen Werkschau des expressionistischen Künstlers vom Anfang des 20. Jahrhunderts ist. Das Zitat spiegelt den Leitsatz von Schmidt-Rottluff, der ihn Zeit seines Lebens antrieb: die Welt immer wieder neu zu entdecken.
Das Brücke-Museum Berlin verwahrt die weltweit größte Sammlung der Kunst von Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976). Derzeit zeigt das Museum in Berlin-Dahlem eine umfangreiche Werkschau des expressionistischen Künstlers. Die Ausstellung bietet einen Überblick über das fast 70 Jahre umfassende Werk Schmidt-Rottluffs. Beginnend mit seinen expressionistischen Anfängen von 1905 bis hin zu seinem farb- und formstarken Spätwerk der 1960er-Jahre.

Karl Schmidt-Rottluffs Arbeiten entfalten in ihrer leuchtenden Farbigkeit eine Lebendigkeit, die ihresgleichen sucht. Die Ausstellung führt chronologisch durch die prägenden Lebens- und Arbeitsstationen des Künstlers: von der Gründung der Künstlervereinigung Die Brücke 1905 in Dresden in Kooperation mit seinem Schulfreund Erich Heckel sowie den Kommilitonen Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl, über die Sommerlandschaften an Ost- und Nordsee bis hin zu den Erinnerungsbildern pommerscher Landschaften. Um konzentriert arbeiten zu können, war der Maler ein Leben lang auf der Suche nach ruhigen, abgelegenen Orten im ländlichen Raum. Die eindringlichen Eindrücke von Natur, Landschaft und den Menschen bestimmen seine Motive und seine Entwicklung.
Faszination für die Arbeiten von Vincent van Gogh
1905 ging Schmidt-Rottluff zum Architekturstudium nach Dresden. Seine Ausstellungsbesuche in der Galerie von Ernst Arnold führen den jungen Künstler zu den Arbeiten der französischen Neo-Impressionisten wie Paul Signac. Das Werk Am Meer von Schmidt-Rottluff zeigt mit seinen langen, dynamischen Pinselstrichen und den kräftigen, unvermischten Farben den Einfluss von Vincent van Gogh, den der junge Maler in der Galerie gesehen hat.

Der Eindruck einsamer Landschaften führt zu gewaltigen Farbkompositionen
Auf der Suche nach neuen Motiven entdeckt Schmidt-Rottluff zusammen mit seinem Freund Erich Heckel die Nordseeküste. Die Landschaft am Jadebusen wurde zu einem Ort künstlerischer Veränderung. „Es ist unglaublich, wie stark man die Farbe hier findet, eine Intensität, wie sie kein Pigment hat, fast scharf für das Auge”, schreibt er 1909 über sein Naturerlebnis. Die Arbeiten der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg sind von einer explosiven Farbigkeit.
Künstlerische Gegensätze führten 1913 zum Bruch der Künstlervereinigung Die Brücke.

Die Eindrücke des 1. Weltkrieges hinterlassen spirituelle Spuren
Schmidt-Rottluffs Arbeiten, die nach dem Ende des Ersten Weltkrieges entstanden sind, wirken fast religiös. Die charakteristische Ekstatik des Frühwerks scheint unter Kontrolle, sein Stil wird monumental. Nach den einschneidenden, traumatischen Erlebnissen des Krieges konzentriert sich der Maler mit einer flächigen, kantigen Formensprache auf die Natur und das Alltagsleben. Im Gegensatz zu seinem alten Freund Ernst Ludwig Kirchner hält er an der perspektivischen Raumkonstruktion fest. Ab Mitte der 1920er-Jahre wandelt sich sein Malstil von den flächigen, kantigen Formen zu einer gegenständlicheren, realitätsnahen Malweise.

Glückliche Sommer in Hinterpommern
Es zieht Schmidt-Rottluff in den Sommermonaten mit seiner Frau Emy an die Ostseeküste in Hinterpommern. Die Weite und Stille der Landschaft, die Wanderdünen und die breite Nehrung in dieser auch Ostpommern genannten Region östlich der Oder boten ihm auch räumlich Abstand von den Umwälzungen des NS-Regimes. 1937 wurden seine Arbeiten aus den öffentlichen Sammlungen beschlagnahmt und auf der Propaganda-Ausstellung Entartete Kunst in München verhöhnt. Schmidt-Rottluff erhielt Berufsverbot und zog sich aus allen öffentlichen Ämtern, wie der Preußischen Akademie der Künste, zurück.

Spuren des Kolonialismus der Nachkriegsjahre
Nach dem Ende des Krieges nimmt Schmidt-Rottluff 1946 bis 1954 eine Professur an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin auf. Neben seiner Lehrtätigkeit malt er weiter. Das Stillleben wird nach 1945 zu einem zentralen Motiv. Seine Bilder zeigen fortan farbintensive Werke, die die Landschaften Hinterpommerns aus seiner Erinnerung darstellen, Alltagsgegenstände, Ansichten aus seinem Haus und auch Gegenstände, die im Zuge des europäischen Kolonialismus aus den damaligen deutschen Kolonien auf den Kunstmarkt gebracht worden waren. Wie viele Künstler der Moderne sammelte Schmidt-Rottluff Werke aus kolonialen Kontexten. Über 100 Objekte aus mehr als zwanzig Regionen sind erhalten und auch heute noch Teil der Sammlung des Brücke-Museums, das sich im Rahmen des Erbes der Emy und Karl Schmidt-Rottluff Stiftung seit 2021 kritisch mit ihrer Herkunft auseinandersetzt.

Spätwerk als Zeugnis der Sommeraufenthalte an der Ostsee
20 Jahre lang verbrachten Emy und Karl Schmidt-Rottluff ihre Sommer an der Ostseeküste in Sierksdorf, Schleswig-Holstein. Die eindrückliche Reihe an Mondlandschaften setzt das Licht und Leuchten der nächtlichen Küstenlandschaft in den Fokus. Mit einer Schenkung von 75 eigenen Werken und zahlreichen Werken befreundeter Künstler an das Land Berlin initiiert Schmidt-Rottluff den Bau des Brücke-Museums Berlin, das 1967 eröffnet wurde.
Am 10.August 1976 stirbt Karl Schmidt-Rottluff in Berlin.

Weitere Infos:
Die Ausstellung „Karl Schmidt-Rottluff – Immer wieder muss die Welt neu gesehen werden“ ist bis zum 15.Februar 2026 im Brücke-Museum in Berlin-Dahlem zu sehen.
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