Foto: The Hammer Museum, Los Angeles, USA © Fine Art Images/Bridgeman Images
Schaffenskraft kennt kein Verfallsdatum
Henri Matisse war über 70, gesundheitlich schwer angeschlagen und konnte kaum noch malen. Dennoch entstand in dieser Zeit eines der wichtigsten Kapitel seines Schaffens. Die Retrospektive „Matisse, 1941–1954“ erzählt von diesem späten Aufbruch – und zeigt, warum Schaffenskraft kein Verfallsdatum kennt.
Wer das Grand Palais betritt, ist zunächst von dem Bauwerk selbst überwältigt. Das Belle-Époque-Juwel an der Champs-Élysées, erbaut zur Weltausstellung 1900, empfängt seine Besucher mit einem der größten Glasdächer Europas: Ein gewaltiges Stahlskelett trägt ein Dach aus fast 5000 Quadratmetern Glas und getriebenen Kupferfiguren, durch welches das Tageslicht in langen goldenen Strahlen in die Hallen fällt. Nach aufwendiger Renovierung strahlt das Gebäude wieder in seiner ursprünglichen Pracht und ist ein würdiger Rahmen für einen Meister des Lichts und der Farbe.

Bis zum 26. Juli 2026 widmet das Grand Palais Henri Matisse' letzten Lebensjahren eine große Retrospektive, die in Zusammenarbeit mit dem derzeit wegen Renovierung geschlossenen Centre Pompidou entstanden ist. Mehr als 300 Werke – Gemälde, Zeichnungen, Bücher und Scherenschnitte (gouaches découpées) – dokumentieren, wie sich Matisse im letzten Jahrzehnt seines Lebens noch einmal neu erfand.
Sein wichtigstes Werkzeug: die Schere

L'Escargot, 286 x 287 cm, Tate London.Foto: akg-images / Erich Lessing
Die Jahre, die diese Retrospektive beleuchtet, sind keine des Abschieds, sondern des radikalen Neubeginns. Zwischen 1941 und 1954, als er sich seinem 80. Geburtstag näherte, vollzog Matisse eine tiefgreifende Verwandlung seiner Kunst. Durch körperliche Einschränkungen, die den Einsatz des Pinsels erschwerten, wandte er sich einer Technik zu, die er zur eigenständigen visuellen Kunstform erhob: der ausgeschnittenen Gouache.
Auf einer Wand im Ausstellungssaal ist sein Geist in wenigen geschriebenen Zeilen greifbar: „Dessiner avec des ciseaux. Découper à vif dans la couleur me rappelle la taille directe des sculpteurs” („Zeichnen mit der Schere. Das Ausschneiden direkt in die Farbe erinnert mich an das direkte Schnitzen der Bildhauer“). Eine Selbstbeschreibung, die Matisse 1947 formulierte.

Danseuse créole, Juni 1950, 205 x 120 cm Musée Matisse Nice.Foto: GrandPalaisRmn / Gérard Blot
Und 1952 schwärmt er: „Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr mir in der Ausschneidezeit das Gefühl des Fliegens geholfen hat, die Bewegung meiner Hand zu verfeinern, wenn sie den Weg meiner Schere leitete.” Das Schneiden, so zeigt es die Ausstellung, war für ihn Befreiung und Präzision in einem.
Genesungsjahre in Vence

Henri Matisse Nu bleu II, 1952 103,8 x 86 cm Centre Pompidou, Paris.
Foto: Centre Pompidou, MNAM-CCI/Service de la documentation photographique du MNAM/Dist. GrandPalaisRmn
Einen besonderen Raum nehmen die sogenannten Vence Interiors ein, jene Werkgruppe, die zwischen 1946 und 1948 im südfranzösischen Vence entstand. Nach seiner schweren Bauch-Operation hatte sich Matisse nach Vence zurückgezogen und wurde von der Schwester Jacques-Marie gepflegt. Als Dank für seine weitgehende Genesung entwarf er für die Glaubensschwestern des Dominikanerordens, der auch Jacques-Marie angehörte, die Chapelle du Rosaire in Vence, die auch heute noch zu besichtigen ist. Das helle Licht der Côte d’Azur durchleuchtet die Räume, die farblich gestalteten Fenster lassen die Sonnenstrahlen tanzen. Matisse entwarf sogar die liturgischen Gewänder der Priester, damit der Gesamteindruck stimmte.
Die Ausstellung bringt ikonische Werkgruppen dieser Schaffensphase zusammen: die Vence-Interiors-Serie, das Jazz-Album mit seinen Original-Skizzen, Tuschezeichnungen. Als Höhepunkte sind legendäre Arbeiten, wie La Tristesse du Roi und die berühmten Nu Bleus versammelt.

Eine Ausstellungstafel fasst den Geist dieser Interieurs prägnant zusammen: „Dieselbe Luft durchströmte Gemälde und gouaches découpées gleichermaßen, dasselbe Gefühl der Leichtigkeit.” Matisse selbst schrieb über diese Periode: „Ich habe eine Form erreicht, die auf das Wesentliche reduziert ist und ich habe das Zeichnen bewahrt, das ich früher in der Komplexität des Objektes darzustellen pflegte: das Zeichnen, das genügt, um das Objekt in seiner eigenen Form und für das Gesamte, für das ich es konzipiert habe, existieren zu lassen.”
„Die Intimität des Ateliers”
Die Werke werden in einer Atmosphäre präsentiert, die an das Atelier des Künstlers erinnert. Matisse arbeitete aufgrund seiner Schlaflosigkeit häufig nachts. „Uns ging es darum, diese Intimität des Ateliers spürbar zu machen,” erklärt die Kuratorin Claudine Grammont, „Die Besucher sollen das Gefühl haben, Matisse' Atelier zu betreten und den Werken unmittelbar gegenüberzusehen, fast wie in einer immersiven Erfahrung.”

Mehrere Arbeiten stammen aus der Sammlung des Centre Pompidou. Hinzu kommen Leihgaben aus privaten Sammlungen sowie aus nationalen und internationalen Institutionen, darunter das Museum of Modern Art in New York und die National Gallery of Art in Washington D.C.
Was diese Ausstellung so bewegend macht, ist nicht allein die Qualität der Werke, sondern die Geschichte dahinter: Ein angesehener Maler am Ende seines Lebens, von Krankheit gezeichnet, der mit Schere und Papier eine völlig neue künstlerische Ausdrucksform erschafft und damit zu einem der folgenreichsten Kapitel der Moderne beiträgt. Im hellen Licht seiner letzten Jahre erfand Matisse eine neue Sprache, die der ausgeschnittenen Formen und der reinen Farbe. Die Ausstellung beleuchtet die letzten Jahre seiner Karriere und enthüllt die Reichweite seiner Praxis in dieser Periode.
Das Grand Palais, selbst ein Triumpf des Glaubens an Schönheit und Handwerk, ist der ideale Ort für diese Begegnung mit einem Künstler, der bis zu seinem Tod im Jahr 1954 nicht aufgehört hat, zu staunen und zu erfinden.
