Foto: Jacopo Salvi
Die Kunst, wieder Freude zu empfinden
Es gibt historische Momente, in denen die Kunst aufhört, bloße ästhetische Sprache zu sein, und zur emotionalen Notwendigkeit wird. Zu etwas, das alle Sinne gleichzeitig weckt.
Genau das spürt man heute, wenn man Venedig während der Biennale durchstreift. Es handelt sich nicht einfach um eine internationale Ausstellung. Es ist eine kollektive Suche – nach Sinn, nach Sensibilität, nach dem Menschlichen, nach dem Gefühl, Teil von etwas zu sein. Einfach: zu fühlen.
In einer Gegenwart, die von Geschwindigkeit, politischer Instabilität, Informationsüberflutung und wachsender emotionaler Erschöpfung beherrscht wird, scheint die Biennale uns an etwas Wesentliches zu erinnern: Verletzlichkeit ist keine Schwäche. Sie ist eine Form der Verbindung und der Zugehörigkeit.

Das Gefühl, das sich durch viele Pavillons und Gespräche dieser Biennale zieht, ist überraschend weit entfernt vom Zynismus, der das zeitgenössische Kunstfeld oft prägt. Stattdessen tritt eine andere Spannung hervor. Intimer. Tiefer. Fast als Notwendigkeit, die Freude wiederzufinden.
Eine echte, reine, authentische Freude — wie die von Kindern, die zum ersten Mal Material und Farbe erkunden. Jene Form von Freude, die entsteht, wenn man noch nicht verlernt hat, etwas wahrhaftig zu spüren.
Beim Spaziergang zwischen Arsenal und Giardini ist eine Veränderung im Ton unverkennbar. Weniger Monumentalität. Weniger Provokation um ihrer selbst willen. Viele Arbeiten scheinen stattdessen eine emotionale Beziehung zum Betrachter zu suchen. Sie sprechen von Erinnerung, Identität, Spiritualität, Verletzlichkeit, Zugehörigkeit.

Diese Biennale zwingt zu nichts. Sie lädt ein.
Vielleicht berührt sie deshalb etwas Universelleres.
Die kuratorische Vision von Koyo Kouoh (1967–2025) – auch nach ihrem plötzlichen Tod – durchzieht die Biennale wie eine stille, aber mächtige Präsenz. Der Gedanke hinter In Minor Keys betrifft nicht nur den Ton der Ausstellung, sondern eine andere Art, die Welt zu betrachten: weniger aggressiv, weniger auf Lärm ausgerichtet, näher an den emotionalen und spirituellen Nuancen der menschlichen Erfahrung.
Venedig verstärkt diese Sensibilität ganz von selbst. Es ist eine Stadt, die zum Innehalten zwingt. Wo die Zeit sich dehnt, das Wasser alles spiegelt und selbst die Stille ein anderes Gewicht zu haben scheint. Während der Biennale hört die Stadt fast auf, nur ein kulturelles Reiseziel zu sein. Und wird zu einem Geisteszustand.

Hier wird Kunst nicht einfach betrachtet. Sie wird durchschritten.
Zwischen Vernissagen, zufälligen Begegnungen, nächtlichen Vaporetti und fast leeren Sälen im Nachmittagslicht geschieht etwas Seltenes: Menschen beginnen wieder, einander zuzuhören.
Vielleicht ist das die eigentliche Stärke der Biennale heute. Nicht so sehr, die Zukunft der zeitgenössischen Kunst vorherzusagen, sondern einen Raum zu schaffen, in dem es noch möglich ist, die Gegenwart mit größerer Tiefe wahrzunehmen.
Denn in einem Zeitalter der Algorithmen, der Beschleunigung und der Polarisierung könnte die eigentliche Revolution die Empfindsamkeit geworden sein.
Freude nicht als Flucht aus der Wirklichkeit, sondern als bewusste Entscheidung, der Welt – trotz ihrer Komplexität – gegenüber offen zu bleiben. Als Fähigkeit, weiterhin Schönheit, Dialog und Vorstellungskraft zu suchen. Auch in unsicheren Zeiten.

Viele der eindringlichsten Arbeiten dieser Biennale erzeugen emotionale Zustände, die in uns weiterarbeiten. Sie öffnen Räume der Reflexion. Sie erinnern uns daran, dass Kunst die Welt nicht zwingend erklären muss, aber helfen kann, sie wieder zu fühlen. Das ist heute schon sehr viel.
Diese Biennale entzieht sich einem einzigen Besuch. Man muss dreimal kommen: hingehen, setzen lassen. Hingehen, wirken lassen. Und nochmal hingehen, wirken lassen. Erst dann beginnt sie, sich wirklich zu erschließen.
Deshalb bleibt Venedig einzigartig. Nicht, weil es eine perfekte Welt repräsentiert – die Widersprüche des Kunstbetriebs sind überall sichtbar –, sondern weil es, zumindest für einige Monate, noch immer etwas Seltenes zu erzeugen vermag: eine Form gemeinsamer kultureller Hoffnung.
Eine Hoffnung, die leise ist. Klar. Tief.
Dieselbe Hoffnung, die man spürt, wenn man abends durch die Calli läuft, über Brücken hinauf und hinunter, nach einem langen Tag auf der Biennale. Und plötzlich merkt, dass man sich nicht nur an die gesehenen Werke erinnert, sondern vor allem an die Gefühle, die geblieben sind. Und die weiter wachsen.

Die 61. Biennale Arte Venedig 2026
Die 61. Biennale Arte findet vom 9. Mai bis 22. November 2026 statt und trägt den poetischen Titel In Minor Keys („In Molltonarten”). Kuratiert wurde sie von der kamerunisch-schweizerischen Kuratorin Koyo Kouoh (1967–2025), die mit diesem Konzept den Fokus verlagern wollte: weg von der „ängstlichen Kakofonie" des globalen Durcheinanders der Gegenwart, hin zu leiseren Tönen von Emotion, Verbundenheit und Erdung.
Nach Kouohs Tod im Mai 2025 setzte ihr Team das Konzept um. Die Ausstellung versteht sich zugleich als Hommage an ihr Wirken. Die Hauptausstellung verteilt sich auf zwei zentrale Schauplätze in den Giardini und im Arsenale und präsentiert 111 Künstlerinnen und Künstler.