Foto: Jess Bailey / Unsplash
Nichts zu verbergen
Woher kommt die Rose in der Tagescreme? Wer hat die Aloe-Vera-Pflanze geerntet? Und braucht es wirklich zehn Produkte für eine gesunde Haut? Wer heute Naturkosmetik kauft, stellt andere Fragen als noch vor einigen Jahren. Zertifizierte Inhaltsstoffe, transparente Lieferketten und minimalistisches Packaging gehören inzwischen selbstverständlich dazu.
Fünf sehr unterschiedliche Marken – mehr als sechs Jahrzehnte liegen zwischen ihren Gründungen – geben darauf ebenso unterschiedliche Antworten.
Kokebi. Afrika als Inspirationsquelle
Keine Cremes, keine fertigen Emulsionen, keine Peelings: Kokebi Cosmetics setzt auf einen radikal reduzierten Ansatz. Gründerin Birgitta Bitschnau-Burkart bringt mehr als 20 Jahre Branchenerfahrung mit. Ihre Berliner Brand umfasst gerade einmal vier Produkte. Das Konzept trägt den Hashtag #NoCreamConcept.

Im Zentrum der Formulierungen stehen kaltgepresste Pflanzenöle und botanische Essenzen, darunter Schwarzkümmel-, Marula- und Moringaöl. Hinzu kommen reine Blattsäfte von Aloe Vera und Bulbine Frutescens. Die Pflanzenöle werden ohne Wärmebehandlung kaltgepresst. Dadurch sollen Vitamine, Antioxidantien und sekundäre Pflanzenstoffe weitgehend erhalten bleiben. Der „Skin Splasher“ soll Feuchtigkeit spenden, das „Lavish Liquid“ ergänzt je nach Bedarf der Haut Lipide. So soll direkt auf der Haut eine individuelle Emulsion entstehen.
Im „Lavish Liquid“ kommt außerdem Astaxanthin zum Einsatz, ein Antioxidans aus der Blutregenalge Haematococcus pluvialis, das freie Radikale neutralisieren soll.

Kokebi bezieht einen großen Teil seiner Rohstoffe aus Afrika. Persönliche Kontakte zu Partnern in Äthiopien und Südafrika sollen eine faire Vergütung und einen verantwortungsbewussten Anbau sichern. Der Reinigungshandschuh aus 100 Prozent Naturbaumwolle wird von Frauen in Wukro in Nordäthiopien von Hand gewebt und genäht und schafft ihnen eine zusätzliche Einkommensquelle.
Beim Packaging gilt dieselbe Logik: lichtschützendes Violettglas, Nachfülllösungen und weitgehend keine Beipackzettel. Kokebi fasst den Ansatz selbst mit „so viel wie nötig, so wenig wie möglich“ zusammen.
Annemarie Börlind. Pionierin aus dem Schwarzwald
Wer über Naturkosmetik in Deutschland schreibt, kommt an Annemarie Börlind nicht vorbei. Die Gründerin Annemarie Lindner litt jahrelang unter starken Hautproblemen. Erst eine selbst hergestellte Kräutermaske brachte die erhoffte Verbesserung und motivierte sie, den Beruf der Kosmetikerin zu erlernen sowie schließlich Pflegeprodukte aus natürlichen Rohstoffen herzustellen.
1959 gründete Börlind gemeinsam mit Hermann F. Börner, der bereits Erfahrungen in der Vermarktung von Naturmitteln im Reformhaus gesammelt hatte, die Börlind GmbH. Ihre Prämisse: „Was ich nicht essen kann, gebe ich nicht auf meine Haut.”
Heute verantwortet das Geschwisterpaar Alicia und Nicolas Lindner in der dritten Generation die Geschicke des Unternehmens, das seine Naturkosmetik weiterhin im Schwarzwald herstellt.

Was damals wie eine Nischenidee wirkte, ist heute ein international geläufiges Konzept. Bereits in den 1970er-Jahren, lange bevor das Thema populär wurde, brachte das Unternehmen mit der Systempflegeserie „LL Regeneration“ eine Anti-Aging-Serie auf den Markt und entwickelte später das erste Naturkosmetikprodukt mit hautähnlichen Ceramiden. Wissenschaftlicher Pioniergeist gehört seither zur DNA der Marke.

Die „System Absolute“-Anti-Ageing-Serie richtet sich an die anspruchsvolle Haut ab 40. Herzstück ist ein Grünalgenextrakt in einer 3D-Wirkstoffmatrix aus dem Tarabaum, der die Kollagen- und Elastinproduktion über einen längeren Zeitraum aktivieren soll. Die Produkte sind vegetarisch, frei von Parabenen, Silikonen und Mineralölderivaten und werden im Schwarzwald hergestellt. Viele Produkte tragen das international anerkannte Cosmos Natural Siegel, das umweltfreundliche Herstellungsprozesse und einen natürlichen Ursprung von über 99 Prozent der Inhaltsstoffe bestätigt.
Yroli Copenhagen. Minimalismus mit wissenschaftlichem Anspruch
Yroli Copenhagen entstand 2018 aus der Unzufriedenheit zweier Freundinnen mit der klassischen Beautyindustrie. Die Norwegerin Trine-Lise Buestad-Kjeldsmark und die Dänin Jette Nørgaard Haulrig fanden sich weder in komplizierten Pflegeroutinen noch im Versprechen ewiger Jugend wieder. Beide suchten nach einer überschaubaren Pflege für Haut, deren Bedürfnisse sich mit dem Leben verändern. Daraus entstand Yrolis Skinimalism-Prinzip: wenige Produkte, einfache Routinen und der Fokus auf gesunde Haut statt auf ein möglichst jugendliches Aussehen.

Entwickelt und produziert wird in Dänemark gemeinsam mit Pharmazeuten und Biochemikern. Zu den charakteristischen Inhaltsstoffen gehören Mikroalgen, wild geerntete Beeren aus Lappland sowie Baobab- und Marulaöl aus Afrika. Die Produkte sind Ecocert-Cosmos-zertifiziert und vegan, das Unternehmen selbst ist B-Corp-zertifiziert.

Auch beim Packaging setzt Yroli auf Reduktion. Auf Umverpackungen wird verzichtet, verwendet werden unter anderem recycelte beziehungsweise recycelbare Kunststoffe und Glas. Die Marke ordnet diesen Ansatz der „Blue Beauty“-Bewegung zu, die neben Inhaltsstoffen auch Verpackung, Produktion, Transport und die Belastung der Meere in den Blick nimmt.
Zum Sortiment gehört seit diesem Jahr auch die „Sun Protection SPF30“ für Gesicht und Körper. Die parfumfreie, wasserfeste Formulierung kombiniert UVA- und UVB-Filter mit Glycerin und Moltebeerextrakt und ist Allergy Certified. Angeboten wird sie in 50 und 300 Millilitern.
Dr. Hauschka. Gut Ding will Weile haben
Aus Baden-Württemberg wie Annemarie Börlind und ebenfalls mit jahrzehntelanger Geschichte präsentiert sich die Marke Dr. Hauschka – mit ihrem ganz eigenen Ansatz. Entstanden aus der WALA Heilmittel GmbH in Bad Boll auf der Schwäbischen Alb, versteht sich Dr. Hauschka Naturkosmetik als handwerkliches Gesamtkonzept. Die fünf erklärten Qualitätsmerkmale: Zeit, Herkunft, Handarbeit, rhythmische Herstellverfahren und sinnliche Texturen.

Was das konkret bedeutet, zeigt zum Beispiel das Gesichtstonikum: Die Blätter der Zaubernuss stammen aus dem firmeneigenen Heilpflanzengarten. Wenn die Pflanze ihre volle Kraft erreicht hat, wird sie zu Auszügen verarbeitet, und anschließend reift das Tonikum 21 Tage in großen Gebinden, wobei es jeden Morgen und jeden Abend von Hand gerührt wird. Kein Schritt wird beschleunigt.

Für die Wimperntusche wiederum wird Augentrost auf Schwarzwälder Bergwiesen geerntet, morgens bei Sonnenaufgang, wenn die Pflanze nach der Nacht besonders vital ist. Diese Detailversessenheit mag aufwendig klingen. Sie ist es auch, und das ist der Punkt. Dr. Hauschka macht daraus kein Geheimnis. Alle Produkte sind zertifiziert nach dem internationalen Naturkosmetikstandard Natrue.
Just Bee Nice. Hautpflege aus dem Bienenstock
Just Bee Nice ist eine der kleineren Marken in diesem Feld und eine der persönlichsten. Die Gründerin Annette Wanner entwickelte die Linie gemeinsam mit ihrem Mann, einem Hobby-Imker. Ausgangspunkt war eine einfache Frage: Was können Bienenstoffe für die Haut leisten? Antworten fand sie unter anderem in alten Apothekerrezepturen, die sie für ihre Naturkosmetiklinie neu interpretiert hat.

Das Pflegesystem ist bewusst überschaubar. Herzstück ist ein multifunktionales Serum für Gesicht und Augenpartie. Zu den Inhaltsstoffen gehören Honig, Gelée Royale, Propolis und Bienengift. Letzteres wird in der Kosmetik bisweilen als „Natur-Botox“ bezeichnet und soll sichtbare Zeichen der Hautalterung mildern.
Mit jedem Kauf unterstützt Just Bee Nice die Renaturierung von Streuobstwiesen und damit Lebensräume für Bienen und andere Insekten.

Sechs Jahrzehnte. Viele Gemeinsamkeiten
Zwischen Annemarie Börlind und den jüngsten Marken dieses Artikels liegen mehr als sechs Jahrzehnte. Trotzdem ähneln sich viele ihrer Grundideen: natürliche Rohstoffe, nachvollziehbare Herkunft, möglichst wenige Produkte und ein sparsamer Umgang mit Verpackung und Ressourcen.
Skinimalism, Blue Beauty oder #NoCreamConcept greifen vieles auf, was Naturkosmetik-Pioniere schon vor Jahrzehnten beschäftigt hat, und entwickeln es weiter. Die jungen Marken reduzieren Pflegeroutinen, hinterfragen Verpackung und Transport oder beziehen soziale Projekte ein. Börlind und Dr. Hauschka zeigen wiederum, dass die Beschäftigung mit Herkunft, Verarbeitung und Qualität pflanzlicher Rohstoffe keine Erfindung unserer Zeit ist. Eine Frage beschäftigt dabei alte wie junge Marken: Was braucht die Haut wirklich?