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„Wir haben verlernt, Materialien mit Würde zu behandeln“
Leder polarisiert wie kaum ein anderes Material: Für die einen ist es ein Relikt, für die anderen ein natürlicher Rohstoff, der ohnehin anfällt. Kaum jemand weiß jedoch, wie moderne Gerbereien heute tatsächlich arbeiten. Ein Besuch bei Thomas Heinen, dessen Familienbetrieb seit über 130 Jahren Häute verarbeitet – und der sich gegen viele gängige Vorstellungen über seine Branche stemmt.
Mit „Terracare“ hat Heinen einen eigenen Produktionsstandard etabliert, der Leder als Upcycling-Produkt begreift: Alle Häute stammen aus Europa und sind Nebenprodukte der Fleischindustrie, die andernfalls entsorgt werden müssten. Für die Verarbeitung setzt die Gerberei ausschließlich zertifizierte Hilfsstoffe ein und unterschreitet branchenübliche Verbrauchswerte bei CO₂ und Wasser deutlich, wie Heinen im Interview erläutert.

Herr Heinen, Ihre Gerberei existiert seit 1891. Was bedeutet Tradition für Sie – eher Verpflichtung oder eher Freiheit?
Thomas Heinen: Es ist ein schönes Gefühl Teil einer größeren Familien- und Firmengeschichte zu sein. Da ist eine persönliche Komponente im Job, die tiefer geht als nur das reine Arbeiten. Ich darf eine Aufgabe weiterführen, die vor mir schon drei Generationen gemacht haben. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Generationen wurde ich allerdings nie dazu gedrängt.
Trotzdem ist es auch eine Verpflichtung diese Aufgabe so gut es geht zu erfüllen. Wenn man dann einmal „in der Mühle“ drin ist, wird die Freiheit dadurch eher eingeschränkt, da man ja zu Hause nicht mehr weggeht. Die Ungebundenheit, morgen etwas ganz anderes zu machen habe ich daher nicht mehr wirklich. Diese Freiheit fehlt mir aber auch nicht.
Sie gelten als Vordenker für nachhaltiges Leder. Was unterscheidet Ihr sogenanntes Terracare-Leder von klassisch produziertem Leder? Was steht hinter dem Motto Responsible Performance Leather?
Terracare ist Vorreiter in Sachen Transparenz. Wir haben schon über Wasser- oder Stromverbrauch gesprochen, als das Wort Nachhaltigkeit in der Presse noch gar nicht verwendet wurde.
„Responsible“ nennen wir unser Terracare-Leder, weil wir das Wort nachhaltig nicht so gerne mögen. Wirklich nachhaltig ist fast nichts, Terracare auch nicht, da wir Ressourcen verbrauchen. Terracare Leder wird allerdings unter den höchstmöglichen Ansprüchen gefertigt, mit dem geringstmöglichen Verbrauch an Ressourcen. Da wir mit diesem Leder stark im technischen Schuhbereich vertreten sind, ist die Performance für uns und unsere Kunden sehr wichtig.

Chrom, Pflanzen oder Zeolith? Was ist was?
Viele Menschen kennen die Begriffe Chromgerbung oder pflanzliche Gerbung gar nicht. Warum setzen Sie hauptsächlich auf Chromgerbung? Und was verändert das sogenannte Nera Tanning – das von Ihnen genutzte, extern entwickelte Zeolith-Verfahren – im Prozess?
Weltweit werden heute circa 95 Prozent aller Leder mit Chrom gegerbt, da Chrom hervorragende Ledereigenschaften ermöglicht und auch im Sinne der Nachhaltigkeit sehr viele Vorteile mitbringt. Pflanzlich gegerbtes Leder ist optisch schön, aber sicherlich nicht unbedingt ökologisch besser, nur weil der Gerbstoff aus Pflanzen gewonnen wird.
Warum nicht?
Für den technischen Schuhbereich sind pflanzlich gegerbte Leder nicht geeignet, da diese Leder unter anderem nicht hydrophobiert, also wasserabweisend gemacht werden können. Vegetabile Leder sind darüber hinaus rund 20 Prozent kleiner, und der Wasserverbrauch wesentlich höher.
Nera Tanning ist ein Gerbstoff basierend auf Zeolith. Nera ist daher besser kompostierbar. Grundsätzlich gilt aber für alle Leder, dass sie aus der organischen Basis, einer tierischen Haut bestehen. Terracare Leder verfällt in einer industriellen Kompostieranlage innerhalb von sechs Monaten.

Wie lässt sich heute nachvollziehen, woher die Häute stammen, die Sie verarbeiten? Können Sie die Herkunft vollständig zurückverfolgen?
Wir Gerber sind „Resteverwerter“ und kaufen ein Nebenprodukt der Fleisch- und Milchwirtschaft als Rohstoff ein. Somit betreiben wir ein Upcycling der anfallenden Haut. Unsere Häute kaufen wir in Chargen in Deutschland, Dänemark oder Polen ein. Diese Chargen sind lückenlos zurückzuverfolgen. Trotzdem können wir nicht immer sagen, von welchem einzelnen Bauernhof die Haut stammt. Aber unsere Kunden können sicher sein, dass nur zentraleuropäische Häute eingearbeitet werden.
Image und Realität – zwei verschiedene Welten
Leder gilt in der Öffentlichkeit oft als „schmutziges Produkt“ – mit Chrom, Tierleid, Ausbeutung. Was sagen Sie dazu?
Bei der Lederindustrie hängt das Bild hartnäckig in den Köpfen fest, dass Gerber immer noch im vorletzten Jahrhundert leben und arbeiten. Erstaunlich.
Auch wir Gerber in Deutschland müssen die sehr strengen Umweltgesetze einhalten. Wir können uns deshalb gar keine schlechten oder veralteten Prozesse leisten und arbeiten unter klar vorgegebenen Rahmenbedingungen. Genau deshalb ist es wichtig, zu wissen, wo das Leder herkommt und wie es produziert wurde.
Leder als schmutziges Produkt zu bezeichnen ist für mich nicht nachzuvollziehen. Das Gegenteil ist richtig! Würde der Gerber die Haut nicht verwerten, würde sie verfaulen beziehungsweise man hätte gegebenenfalls ein Entsorgungsproblem. Ein Gerber geht darüber hinaus nur mit der Haut um und nicht mit einem Tier.

Methan kommt vom Tier – nicht vom Leder
Wie begegnen Sie der Kritik, dass Leder – ob nachhaltig oder nicht –mit Methanemissionen aus der Tierhaltung verknüpft wird?
Die Methanemissionen der Tiere sind mehr oder weniger vorhanden, je nach Tierhaltungsform. Der Grund, wie ein Tier gehalten wird ist aber nicht im Leder zu suchen. Daher ist dem Leder auch nicht der CO₂-Fußabdruck des Tieres zuzurechnen. Es ist wichtig die Ursache der Tierhaltung zu betrachten und nicht eine potenzielle Verwertung eines anfallenden Nebenproduktes.

Natur statt Erdöl: Wofür Leder heute noch steht
Leder ist eines der ältesten Materialien der Menschheit – Warum halten Sie es trotz moderner Alternativen weiterhin für sinnvoll, tierische Häute zu nutzen?
Man kann heute auf Leder verzichten und alles herstellen, was man möchte, auch ohne Leder. Trotzdem ist die Haut vorhanden und diese Haut, das natürlich gewachsene Fasergefüge, nicht zu nutzen, erachte ich als nicht sinnvoll. Wenn man das natürliche Fasergefüge nicht nutzt, muss man ja einen Ersatzstoff herstellen. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ist dieser Ersatzstoff auf Erdölbasis hergestellt und ökologisch wesentlich schlechter als Leder. Außerdem ist die Nutzungsdauer von Ersatzstoffen sehr häufig der langen Nutzungsdauer von Leder unterlegen.

Veränderte Wertschätzung
Wir leben in einer Zeit des schnellen Konsums. Hat das unsere Haltung gegenüber Materialien verändert?
Wir haben verlernt, Materialien mit Würde zu behandeln. Wertigkeit und damit auch Langlebigkeit werden als weniger wichtig empfunden, da man das Sofa oder die Tasche oder die Schuhe ja gar nicht fünf oder 15 Jahre nutzen möchte. Auf der anderen Seite gibt es den Trend, wieder pre-loved, also Second-Hand-Mode zu kaufen. Gerade Naturfasern, schwere Materialien, wie Leder, sind sehr beliebt, da sie auch nach vielen Jahren noch top in Schuss sind.
Was bedeutet es für Sie, wenn ein Kunde sagt: „Diese Tasche begleitet mich seit 20 Jahren“?
Wunderbar! Diese Person hat alles richtig gemacht, in vielerlei Richtung: Sie hat etwas gekauft, was ihr gefällt, was gut ist und was lange hält. Der Träger, die Trägerin ist mit der Tasche emotional verbunden. Ich glaube, das ist ein sehr schönes Gefühl. Alles das kann nur Leder! Eine Textil- oder Kunststofftasche hat keine Patina und keine Geschichte. Sie ist immer kalt.
Vegan heißt oft Polyurethan
Ist ein Produkt automatisch nachhaltiger, nur weil es vegan ist – oder fehlt uns da ein tieferes Verständnis von Materialethik?
Wenn vegan automatisch nachhaltiger wäre, dann würde es ja in dieser Logik bedeuten, dass Tiere nicht nachhaltig sind, oder? Das ist natürlich völliger Unsinn. Vegan wurde in den letzten Jahren positiv besetzt, da viele kunststoffverarbeitende Unternehmen darin ihre Chance gesehen haben, Kunststoff eine positive Komponente zu geben. Eigentlich bedeutet vegan fast immer Plastik. Nur Plastik ist halt nicht so sexy wie vegan.
Braucht es mehr differenzierte Aufklärung in der Debatte um tierische versus synthetische Materialien – und wer sollte die leisten?
Die Lederindustrie ist leider zu segmentiert und hat keine wirkliche Lobby. Dadurch wird viel zu wenig erklärt und die Verbraucher werden mit Halbwissen allein gelassen. Ich bin als Gerber nicht gegen Lederersatzstoffe. Diese Ersatzstoffe sollten aber erst dann zum Tragen kommen, wenn alle nutzbaren Häute in Leder verwandelt und genutzt wurden. Erst wenn keine Haut mehr vorhanden ist, macht ein Ersatzstoff Sinn. Im Moment ist es aber so, dass die natürlich gewachsene Haut weggeworfen wird, 20 bis 40 Prozent aller Häute, um stattdessen ein synthetisch hergestelltes Plastikprodukt zu nutzen.
Was würden Sie jemandem antworten, der sich fragt, ob er heute noch guten Gewissens Lederschuhe kaufen kann?
Es ist immer eine Wahl der besten Option. Für mich ist ein Lederschuh die beste Wahl, da er lange hält, reparierbar ist, die Haut ein nachwachsender Rohstoff ist, das Leder zu mindestens 85 Prozent irgendwann verfault und ein guter Lederschuh schlichtweg den besten Fuß-Komfort hat. Alternativ dazu gibt es Sneaker gefertigt aus „Lederersatz“, also Plastik. Dieses Produkt verlässt unseren Planeten nie mehr. Das hat mit Nachhaltigkeit überhaupt nichts zu tun. „Vegane Materialien“, wie Pinatex, Apfelleder et cetera sind auch keine Alternative. Sie bestehen immer zu einem großen Anteil aus PU, das heißt Plastik, haben eine sehr schlechte Haltbarkeit und sind am Fuß wie ein Gummistiefel. Wirklich schlecht.

Über die Lederfabrik Josef Heinen
Heinen Leder wird seit 1891 in vierter Generation familiengeführt und ist eine der letzten Gerbereien in Deutschland. Der Betrieb mit Sitz in Wegberg setzt seit Jahrzehnten auf eine Kombination aus technischer Spezialisierung und ökologischer Optimierung. Für die Lederproduktion verwendet das Unternehmen ausschließlich Häute aus Deutschland (95 Prozent) und Europa (5 Prozent), die als Nebenprodukte der regionalen Fleischwirtschaft anfallen und in einem Upcycling-Prozess weiterverwertet werden
Als einer der technologisch modernsten Anbieter der Branche arbeitet Heinen ausschließlich mit zertifizierten Hilfsstoffen und unterschreitet branchenübliche Verbrauchswerte deutlich: Rund 30 Prozent weniger CO₂ und etwa 40 Prozent weniger Wasser werden benötigt
Die Löhne liegen über dem Branchendurchschnitt, das Unternehmen bildet kontinuierlich aus und gilt im nordrhein-westfälischen Wegberg als feste Größe der lokalen Industrie.
Unter dem Label Terracare beliefert Heinen zahlreiche internationale Marken der Outdoor- und Schuhbranche – darunter Meindl, Hanwag, Lowa, Mammut, Ricosta, Duckfeet, Mephisto, Haix und Bär.
Die Leder sind mehrfach zertifiziert, unter anderem mit dem LWG (Leather Working Group) Gold Status, Oeko-Tex, Oeko-Tex STeP sowie dem freiwilligen „Detox to Zero”-Standard für besonders strenge chemische Anforderungen.
Lesen Sie auch den Kommentar „Plastik statt Leder?” unserer Autorin Barbara Markert über die Kampagne der Modedesignerin Stella McCartney zur PETA-Forderung, den Einsatz von Leder in der Mode ein für allemal zu beenden.