Foto: World Coffee Research
Kaffee für eine heißere Welt
Es riecht nach frisch geröstetem Arabica, als Thomas Eckel die ersten Probiergläser mit frisch gebrühtem Kaffee herumreicht. Die Murnauer Kaffeerösterei hatte ins hauseigene Kaffeehaus geladen, um etwas vorzusetzen, das es in dieser Form in Deutschland noch nicht zu trinken gibt: Versuchssorten aus einem internationalen Forschungsprogramm, die zeigen sollen, wie Kaffee auch in einer heißeren Welt noch schmecken kann – widerstandsfähiger, aber auf keinen Fall schlechter. Neben Eckel steht Alexa Heinicke von World Coffee Research (WCR). Sie spricht über die Bedeutung neuer Sortenentwicklung für die Zukunft des Kaffees.


Kurz darauf, ein Freitagnachmittag in Murnau. Die Maschinen sind verstummt. Die Mitarbeitenden haben Feierabend. Nur der warme Duft frisch gerösteter Bohnen hängt noch in der Luft, als Thomas Eckel die Tür zur Produktion öffnet. In der Halle stapeln sich Jutesäcke aus aller Welt, dazwischen ein meterhohes Silo. Weiter hinten glänzt der Röster aus Edelstahl. Eine gewöhnliche Kaffeerösterei? Nur auf den ersten Blick.
Beim Rundgang durch die Rösterei zeigt Thomas Eckel seine Welt und erklärt, warum ein Familienbetrieb aus Oberbayern an einem Forschungsfeld mitbaut, das eigentlich Sache von Exportnationen und Weltkonzernen ist.
Warum eine kleine Rösterei mitzieht.
Die Murnauer Kaffeerösterei wurde 2008 von Thomas Eckel gegründet. Eckel ist ausgebildeter Kaffeesommelier und zertifizierter Q-Grader, ein weltweit anerkannter Experte für die professionelle sensorische und physische Bewertung von Rohkaffee. 2010 folgte das kleine Kaffeehaus für die Kaffeefreunde der Region. Das Familienunternehmen hat sich auf den Direkteinkauf von nachhaltig produziertem Gourmetkaffee spezialisiert und bietet neben dem Verkauf ein umfangreiches Schulungsprogramm für Kaffeefreunde und -profis. Seit 2020 hat sich die Rösterei den Maximen der WIN-Charta des Landes Baden-Württemberg verpflichtet. Diese war ein freiwilliges Nachhaltigkeitsmanagementsystem für kleine und mittlere Unternehmen, das 2014 im Rahmen der Landesnachhaltigkeitsstrategie ins Leben gerufen wurde. 2024 wurde sie offiziell durch das Nachfolgesystem Klimawin BW abgelöst
Eine Zahl, die alles verändert.
Die Zahl, um die sich alles dreht, lautet: minus 50 Prozent. World Coffee Research geht davon aus, dass die Arabica-Produktion auf den heute genutzten Anbauflächen bis 2050 um die Hälfte zurückgehen könnte, wenn sich nichts ändert. Für Eckel ist das keine abstrakte Modellrechnung, sondern längst spürbare Gegenwart. In Brasilien, dem weltweit größten Kaffee-Exportland, lagen die Durchschnittstemperaturen in bestimmten Anbauregionen zuletzt 4,2 Grad über dem Mittel der vergangenen fünf Jahre. Die Folge in diesem Jahr: Ernteausfälle von 80 bis teilweise 100 Prozent in betroffenen Gebieten. „Das war eigentlich schon der Vorgeschmack auf das, was uns passieren kann“, sagt Eckel.

Dass ausgerechnet Kaffee so verwundbar ist, hat mit der Pflanze selbst zu tun. Während man bei Weizen oder Mais unter den Folgen des Klimawandels mit Ertragsrückgängen von circa 7 Prozent rechnet, sind es beim Kaffee die geschätzten 50 Prozent. Ausweichen auf andere Anbauflächen ist dabei keine einfache Lösung: höhere Lagen sind begrenzt, die Rodung neuer Flächen verschärft das Problem, und Kaffeeanbau konkurriert vielerorts direkt mit Flächen für Grundnahrungsmittel.

„Wenn du unter der Armutsgrenze lebst, dann experimentierst du nicht.“
Zertifikate allein, sagt Eckel, lösen das Problem nicht. Kaffee sei das Lebensmittel mit den meisten Gütesiegeln überhaupt – Bio, Fairtrade, Rainforest Alliance, wasserschonende Programme, was es auch gebe. Trotzdem lebten schätzungsweise 80 Prozent der Kaffeebauern weltweit unterhalb des Living Income, der Einkommensschwelle für ein existenzsicherndes Auskommen. „Wenn Zertifikate die Lösung wären, hätten wir nicht die Herausforderungen, die die meisten mit Kaffee haben“, sagt er. „Wenn du unter der Armutsgrenze lebst, dann experimentierst du nicht.“ Für ihn ist das aber kein Grund zur Resignation, sondern der eigentliche Ausgangspunkt seines Engagements: Wenn freiwillige Labels allein nicht reichen, lohnt es sich, an der Pflanze selbst zu forschen. Und an dem, was die Farmer am Ende für ihre Ernte bekommen. Genau dort setzt die Arbeit an, die Eckel an diesem Nachmittag zeigen will.

Die Beziehung der Murnauer Kaffeerösterei zu den Produzenten reicht weit über den Einkauf von Rohkaffee hinaus. Gemeinsam mit den deutschen Kaffeehändlern Walter Knauer und Michael Scherff entstand beispielsweise in der peruanischen Region Chanchamayo die Marke Pacha Mama, unter der sich rund 50 Kaffeefarmen zusammengeschlossen haben. Schulungen, konsequentes Qualitätsmanagement und eine professionelle Organisationsstruktur halfen den Betrieben, sich über hochwertige Spezialitätenkaffees neue wirtschaftliche Perspektiven zu erarbeiten. Bis heute besucht Thomas Eckel die Farmen regelmäßig, pflegt den persönlichen Austausch mit den Produzenten und unterstützt gemeinsam mit den Partnern Projekte in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Klimaschutz.

Vom Zufallsfund zur Herzensangelegenheit.
Auf World Coffee Research sei man eher zufällig gestoßen, erzählt Eckel – über Marktberichte, die eine Mitarbeiterin für die Rösterei recherchiert und geschrieben hatte. „Wir waren richtig überwältigt, weil wir gar nicht wussten, was die eigentlich machen“, erinnert er sich. Die Non-Profit-Forschungs- und Entwicklungsorganisation World Coffee Research wurde 2012 gegründet und gehört heute zu den wichtigsten internationalen Forschungsnetzwerken im Kaffeesektor. Aktuell laufen Feldversuche mit neuen, klimaresistenteren Sorten in sieben Ländern, parallel wurde ein Programm zur Robusta-Züchtung gestartet.
Was als fachliche Neugier begann, wurde für Eckel zu einer persönlichen Verbindung. Über Paul Songer – einen Veteranen des Spezialitätenkaffees, den Eckel seinen „Godfather of Coffee“ nennt, und engen Freund des Pflanzengenetikers und WCR-Gründers Dr. Timothy Schilling – hörte er immer wieder von World Coffee Research (WCR) und Schillings Arbeit. Aus dieser gewachsenen Beziehung entstand die Unterstützung für WCR – finanziell, vor allem aber durch Sichtbarkeit: Die Rösterei veranstaltet inzwischen ein eigenes „World Coffee Research Fest“ im Kaffeehaus und war gemeinsam mit dem Rohkaffeehändler List & Beisler auch auf der European Coffee Messe in Kopenhagen mit einem eigenen Stand vertreten, um Kolleginnen und Kollegen für das Thema zu gewinnen.

Wichtig ist Eckel dabei: World Coffee Research veröffentliche sämtliche Forschungsergebnisse offen, auch gescheiterte Ansätze. „Da ist nichts versteckt, weil die sagen: Wir haben nicht die Zeit, dass wir die Fehler noch mal machen.“ Von den drei größten Exportnationen betrieben nur Brasilien, Kolumbien und Vietnam nennenswert eigene Forschung, ergänzt durch einzelne Industrieakteure wie Nestlé – Länder wie die in Subsahara-Afrika hätten diese Mittel meist nicht. Ruanda ist für Eckel eines der Länder, die trotzdem vorangekommen sind, mit Unterstützung von WCR.

Ruanda: Kaffee als Wiederaufbau-Strategie.
Dass ausgerechnet Ruanda im Zentrum der Murnauer Verkostung stand, ist kein Zufall. Nach dem Bürgerkrieg habe das Land gezielt auf Landwirtschaft und speziell auf Kaffee als Exportfrucht gesetzt, um ländliche Regionen wirtschaftlich zu stabilisieren. Denn ein Land mit vergleichsweise kleiner Anbaufläche könne über hochwertigen Kaffee dennoch spürbaren wirtschaftlichen Nutzen erzielen.
Was in den Verkostungsgläsern landet, sind neue Kreuzungen, die Widerstandskraft mit Aroma verbinden sollen: Erste Ergebnisse zeigen demnach Erträge deutlich über klassischen Sorten sowie eine hohe Resistenz gegen Kaffeerost, eine der größten Pilzkrankheiten im Kaffeeanbau. Geschmacklich bewegen sich die Muster im Premiumsegment: rund, ausgewogen, mit klarer Süße. Eckel selbst beschreibt den Unterschied zu klassischem Arabica im Gespräch so: „Viel aromatischer. Fruchtiger.“

Die Züchtung selbst ist ein Geduldsspiel. Bis eine neue Kreuzung als stabil gelten kann, muss sie über mehrere Generationen hinweg gezielt selektiert werden – ein Prozess, der sich über Jahrzehnte zieht, bevor unerwünschte Eigenschaften zuverlässig herausgezüchtet sind. „Genau deshalb muss Forschungsförderung heute beginnen und nicht erst 2040.“
Regionalität ist dabei für Eckel mehr als ein Marketingbegriff, auch wenn er selbst einräumt, dass der Begriff bei einem globalen Rohstoff wie Kaffee zunächst komisch klingt. Beim Bau der Rösterei habe man bewusst auf Handwerker aus der Region gesetzt, „damit die Gewerbesteuer bei uns bleibt“. Auf dem Dach produziert eine 100-Kilowatt-Photovoltaikanlage mehr Strom, als der Betrieb im Schnitt braucht – der Durchschnittsverbrauch liegt laut Eckel bei 70 bis 75 Kilowatt, mit entsprechenden Lastspitzen.
Selbst bei einem Detail wie den Kaffeesäcken denkt Eckel die Lieferkette neu: Rund 95 Prozent aller Jutesäcke für den Kaffeetransport würden in Bangladesch produziert und dann um die halbe Welt verschifft – auch wenn der Kaffee selbst am anderen Ende der Welt wächst. In den Säcken steckt zusätzlich meist ein Kunststoff-Inlay, das Feuchtigkeits- und Temperaturschwankungen während des Transports abfedert und so die Qualität schützt; laut Eckel kostet dieser Inlay-Beutel rund 2,50 Dollar, während ein einfacher Jutesack etwa 50 Cent kostet. Wenn schon global transportiert werden muss, sollte wenigstens die Herstellung solcher Nebenprodukte stärker in den Ursprungsländern selbst stattfinden – ein Gedanke, den er in Gesprächen mit Kaffeebauern immer wieder einbringt, auch wenn lokale Produktion dort oft teurer wäre als der Import aus Bangladesch.

Die direkten Beziehungen zu Kaffeebauernfamilien bestehen laut Eckel seit der Gründung der Rösterei: „Es ist uns eine persönliche Herzensangelegenheit, die Farmer zu unterstützen – und zugleich Bewusstsein zu schaffen, dass Kaffee nicht einfach teurer wird, sondern an Wert zunimmt.“
Zeit gewinnen.
So zuversichtlich Eckel über die neuen Sorten spricht, so ehrlich bleibt er bei der Frage, was sie tatsächlich leisten können. Auf die Frage, ob klimaresistente Sorten eine langfristige Lösung oder eher ein Mittel sind, um Zeit zu gewinnen, antwortet er ohne Umschweife: eher ein Zeitgewinn. Genau dieser Zeitgewinn ist für ihn aber keine Kleinigkeit: Er verschafft Bauern, Züchtern und der ganzen Branche jene Jahrzehnte, die es braucht, um Anbaumethoden, Handelsstrukturen und – im besten Fall – auch den Klimaschutz selbst weiterzuentwickeln.
Ein zweiter Baustein ist für Eckel ebenso wichtig: Stabile Erträge allein reichen nicht, wenn die Preise an der Börse trotzdem weiter steigen und die wirtschaftliche Lage der Bauern sich am Ende kaum verbessert. Für Eckel ist das kein Grund, das Projekt kleinzureden, sondern der Grund, warum er neben der Forschungsförderung genauso auf faire, direkte Handelsbeziehungen setzt – beides zusammen, sagt er, sei der eigentliche Hebel.

„Nicht teurer, sondern wertvoller.“
Damit ist Eckel bei dem Satz, der ihm so wichtig ist: Kaffee werde nicht einfach teurer, sondern wertvoller. Vermitteln lässt sich das seiner Erfahrung nach vor allem über Qualität und den direkten Vergleich. Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen, dass in Deutschland insgesamt mehr Kaffee getrunken wird – und innerhalb dieses Marktes wachse insbesondere der Anteil an Spezialitätenkaffee. Einen Rückzug aus Preisgründen beobachtet Eckel bei seiner Kundschaft bislang nicht. Seine Erklärung: Wer einmal an gute Qualität gewöhnt ist, kehrt selten zurück zu einfacher Massenware, egal ob bei Kaffee, Fleisch oder Wein. Sein Argument zur Preiswahrnehmung: Ein Aufschlag von vier Euro wiegt bei einem Zehn-Euro-Produkt subjektiv schwerer als derselbe Aufschlag bei einem Zwanzig-Euro-Produkt – prozentual verschiebt sich mit steigendem Ausgangspreis die gefühlte Belastung.

Die nächste Generation.
Am Ende des Rundgangs kommt das Gespräch auf Eckels Sohn, 17 Jahre alt. Der habe erst vor kurzem selbst Interesse an dem Betrieb entwickelt, nachdem eine andere Ausbildung nicht zu ihm gepasst hatte – inzwischen ist er häufig früh im Versand und will das Geschäft von Grund auf lernen. Auch das bestätigt Thomas Eckel in seinem Engagement: Er denkt in Zeiträumen, die über sein eigenes Berufsleben hinausreichen, und mit der Überzeugung, dass es sich lohnt. Die Forschung, in die er investiert, wird vermutlich erst in 20 oder 25 Jahren ihre volle Wirkung zeigen – für ihn kein Grund zu warten, sondern der Grund, jetzt schon anzufangen. Es ist die Vorbereitung auf den Kaffee der Zukunft.

Weitere Infos:
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