Foto: Ecoalf
Rebellion der Revoluzzer
Wer eine Jeans kauft, kauft im Grunde ein Versprechen. Das Versprechen von Dauerhaftigkeit, von Lässigkeit, von einem Kleidungsstück, das irgendwie zeitlos ist. Was man dabei selten mitdenkt: dass für genau dieses Kleidungsstück im Durchschnitt rund 6186 Liter Wasser verbraucht werden – also mehr, als ein Mensch in 8,5 Jahren trinkt. Die Modebranche hat sich an solche Größenordnungen gewöhnt. Ecoalf, das 2009 in Madrid gegründete Label, hat nun eine Kollektion auf den Markt gebracht, die diese Gleichung radikal umschreiben will.

5434 Liter Wasser gespart – pro Jeans
„Denim For The Planet“ heißt das Projekt. Fünf Teile, drei Jeans-Schnitte und zwei Hemden, produziert ohne Elastan, ohne Reißverschlüsse, ohne synthetische Garne, ohne toxische Chemikalien. Stattdessen: 65 Prozent regenerative Baumwolle aus der spanischen Provinz Cádiz, 35 Prozent recyceltes Baumwollmaterial aus dem lombardischen Textilindustriegürtel. Eine Mischung, die – so betont das Unternehmen – Böden regeneriert, Biodiversität fördert und vollständig recycelbar ist. Das Versprechen: „Unser Denim spart 5434.52 Liter Wasser." Pro Stück. Das entspricht dem Trinkwasserverbrauch einer Person in sieben Jahren.

Es gibt wenige Segmente der Modeindustrie, die so chronisch unter Beschuss stehen wie Denim. Jährlich gehen weltweit rund 4,5 Milliarden Jeans über den Ladentisch: ein Markt, der auf Billigbaumwolle, giftigen Färbemitteln und Sandstrahlen aufgebaut ist, einer Technik, die bei Textilarbeitern in Ländern wie Bangladesch oder Pakistan zur unheilbaren Staublungen-Erkrankung Silikose führen kann. Vor diesem Hintergrund klingt das, was Ecoalf vorlegt, ziemlich revolutionär.

Technologie ohne Chemie
Der Stoff wird in Italien mit „Smart-Indigo“ gefärbt, einer Technologie, die Indigopulver per Elektrizität statt mit giftigen Chemikalien in flüssige Farbe umwandelt. Das einzige Nebenprodukt, so Ecoalf: Sauerstoff. Der Finishing-Prozess – also Bleichen, Waschen, Altern des Denims – findet in Marokko statt, mit Laser- und Ozontechnologie der spanischen Firma Jeanología. Kein Sandstrahlen, kein Bimsstein, keine feinen Partikel in den Atemwegen der Näherinnen und Näher. Die Einsparung beim Wasserverbrauch in diesem Schritt soll allein über 60 Prozent betragen.
Symbol der Rebellion
„Denim war immer ein Symbol der Rebellion. Mit dieser Kollektion rebellieren wir gegen die Art, wie er hergestellt wird“, sagt Javier Goyeneche, Gründer und Präsident von Ecoalf. Goyeneche ist kein Neuling in diesen Debatten. Er hat Ecoalf als Reaktion auf die Plastikverschmutzung der Ozeane gegründet und das Label von Anfang an auf recycelte Materialien ausgerichtet: Fischernetze, PET-Flaschen, Kaffeesatz. Das Neue an dieser Kollektion ist der Gedanke der Zirkularität bis ins letzte Detail. Die Knöpfe lassen sich abnehmen und wiederverwenden. Kein Reißverschluss, der die Sortierung im Recyclingprozess stört. Keine einzige Kunstfaser in Naht oder Stoff. Monomaterial, das vollständig in den Kreislauf zurückgeführt werden kann – oder besser: könnte.

Grenzen der Zirkularität
Die Jeans ist recycelbar, ja. Doch bislang fehlt es an einem organisierten Rücknahmekreislauf über die Stores. Ecoalf ist damit nicht allein. Nahezu die gesamte Modeindustrie hat noch nicht die Infrastrukturen aufgebaut, die es für einen echten Kreislauf braucht. Auch in der Lieferkette gibt es noch einige offene Punkte. Die Angaben über Wassereinsparungen sind präzise und belegt – das ist löblich. Aber die CO₂-Bilanz des Transports zwischen Spanien, Italien, Marokko und dem jeweiligen Verkaufsort fehlt bislang in der Rechnung.
Die richtige Richtung
Dennoch bleibt: eine Jeans, die 88 Prozent weniger Wasser verbraucht als ein konventionelles Pendant, ist ein großer Fortschritt. Ein Preis von 130 bis 140 Euro, der die Produktionskosten nachhaltiger Kleidung widerspiegelt, auch. Die Menschen, die zehn Jeans im Jahr bei Fast-Fashion-Ketten kaufen und irgendwann in die Restmülltonne stopfen, erreicht man damit vermutlich nicht.

Ecoalf tut mit dieser Kollektion mehr als die allermeisten. Das Zusammenspiel aus regenerativer Landwirtschaft, elektrochemischer Färbung und laser-basierter Veredelung ist technologisch bemerkenswert, und das Beharren auf vollständiger Monomaterialität bei einem Alltagsprodukt wie Jeans ist für die Industrie bedeutsam. Es zeigt, dass es geht. Dass Designkompromisse, die die Industrie bislang als unvermeidlich dargestellt hat – das Elastan für den Stretch, der Reißverschluss für die Praktikabilität –, tatsächlich vermeidbar sind, ohne dass das Ergebnis aussieht wie ein Verzichtsprodukt.

Die neue Kollektion umfasst drei Schnitte und jeweils vier bis fünf Färbungen: „Women's Dakota Straight Leg“, „Women's Nevada Wide Leg“ und „Men's Arizona Slim Fit“. Dazu je ein weißes Damenhemd („Daria“) und ein Herrenhemd („Walter“). Klassische Silhouetten, zeitlose Schnitte.
Vielleicht ist das die Lesart dieser Kollektion: nicht als Lösung, sondern als Richtung. Als Beweis, dass Denim auch anders geht. Und als Erinnerung daran, dass die Frage, die man sich beim Kauf einer Jeans stellen sollte, nicht lautet: Ist das die sauberste Jeans der Welt? Sondern davor noch: Brauche ich überhaupt eine neue?
Ecoalf erreicht Rekord-B-Corp-Score von 122,7 Punkten
Ecoalf hat bei seiner aktuellen B-Corp-Zertifizierung einen Rekordwert von 122,7 Punkten erzielt – der höchste Score in der Geschichte des Unternehmens. Damit übertrifft Ecoalf den europäischen Durchschnitt von 95,44 Punkten sowie den spanischen Durchschnitt von 94,34 Punkten deutlich. Zum Vergleich: Die Mindestvorgabe für eine B-Corp-Zertifizierung liegt bei 80 Punkten.
Die Entwicklung des Unternehmens lässt sich klar anhand der Scoring-Historie ablesen: 2018 erreichte Ecoalf 81,8 Punkte, 2021 bereits 99,1 Punkte – und 2025 den Spitzenwert von 122,7 Punkten.
Ein wesentlicher Treiber dieser Verbesserung ist das Wachstum im Bereich der sogenannten Impact Business Models. Zwischen den beiden letzten Zertifizierungszyklen steigerte Ecoalf seinen Score in dieser Kategorie um mehr als 70 Prozent und erweiterte die Anzahl anerkannter Impact-Geschäftsmodelle von zwei auf vier. Dazu zählen unter anderem der Einsatz regenerativer Materialien und die Einführung einer Capsule Collection aus regenerativer Baumwolle im Jahr 2025, durch die über fünf Hektar Land renaturiert werden sollen.
Seit der Gründung im Jahr 2009 hat Ecoalf nach eigenen Angaben mehr als 369 Millionen Plastikflaschen recycelt, über 54,17 Milliarden Liter Wasser eingespart und mehr als 22.700 Tonnen CO₂-Emissionen reduziert.
Die B-Corp-Zertifizierung wird von B Lab vergeben und zeichnet Unternehmen aus, die nachweislich hohe Standards in den Bereichen soziale und ökologische Leistung, Transparenz und Verantwortlichkeit erfüllen. Weltweit sind derzeit über 10.000 Unternehmen in 160 Branchen auf sechs Kontinenten zertifiziert.
Mehr über Ecoalf
Lesen Sie auch unseren Artikel Null Prozent zu Black Friday über die Entscheidung von Ecoalf-Gründer und CEO Javier Goyeneche, beim Black Friday nicht mitzumachen.