Foto: Jas Hennessy & Co/Götz Göppert
Ein knappes Gut
Gleichmäßiges Hämmern erfüllt die hohen Atelier-Räume am Quai Richard Hennessy im französischen Cognac. Acht Fassbinder sind hier konzentriert am Werkeln. Sie schlagen auf die metallenen Reifen uralter Fässer ein oder sortieren mit Kenneraugen Fass-Dauben, also die Holzlatten, aus denen später neue Barrique-Tonnen entstehen. Die Ausbildung zum Böttcher dauert Jahre, die Handgriffe werden überliefert, und die Werkzeuge sind alt und stammen oft vom Flohmarkt, weil man sie neu gar nicht mehr kaufen kann.

Die Kontrolle über das Holz
2024 bekam die „Tonnellerie Hennessy“ die Weihen einer „Entreprise du Patrimoine Vivant“. Diese Auszeichnung des französischen Staates wird Unternehmen verliehen, die ein Kulturerbe lebendig halten. Als weltweit führender Cognac-Produzent gehört Hennessy zu den wenigen Häusern, die bis heute eine eigene Fassbinderei unterhalten. „Die meisten wurden Anfang der 1990er-Jahre aufgegeben“, erklärt Benoît Gindraud, Qualitätsexperte bei Hennessy und maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Böttcherei heute noch existiert und wieder an den historischen Standort am Ufer der Charente zurückkehrte.

Der Moment der Erkenntnis
Das Atelier repariert alte Barrique-Tonnen und stellt pro Jahr 500 neue Fässer her. Das ist eigentlich nicht der Rede wert angesichts 500.000 Fässern, die bei Hennessy im Einsatz sind. Doch der Erhalt dieser Handwerksstätte hat mehr als nur einen pittoresken Charakter. Die tägliche Arbeit an den Fässern hat im Unternehmen das Bewusstsein für den Klimawandel, den Schutz der Wälder und vor allem für den Erhalt der für Barrique-Fässer so wichtigen Eichen geschärft. Benoît Gindraud: „Bis ins 19. Jahrhundert hinein waren Fässer nichts weiter als eine reine Verpackung für den Cognac. Erst später erkannte man ihre Rolle für die Qualität und die Reife des Weinbrands. Seit 60 bis 70 Jahren erforschen wir den Einfluss des Holzes auf das Produkt ,und heute wissen wir, dass wir ohne das passende Holz unsere Qualitätsstandards nicht erhalten können.“

Eiche ist nicht gleich Eiche
Die Erkenntnis kam spät und zu einer Zeit, in der sich die ersten Anzeichen des Klimawandels bereits bemerkbar machten. Die Studien gingen voran und zeigten auch, dass ein Baum nicht einfach durch einen anderen ersetzt werden kann und dass nicht jede Eiche die gleichen Aromen liefert. „Eichen aus dem Süden Frankreichs sind feinkörniger in der Holzstruktur. Die Bäume aus der Mitte Frankreichs sind grobkörniger und liefern uns genau dieses diskrete und etwas rustikale Aroma, das wir brauchen.“ Hatte Hennessy früher aus rein logistischen Gründen sein Holz aus der Region bezogen, so versucht man heute aus Bouquet-Gründen diese Tradition weiterzuführen. Rund 15 Prozent des Eichenholzes bezieht die Firma aus dem rund 60 Kilometer entfernten Staatsforst Forêt de la Braconne.

Eingreifen statt Abwarten
Degustationsdirektor Benoît Gindraud stammt aus der Gegend dieses Waldes und ging dort schon als Kind mit seinem Vater spazieren. Als 1999 ein Sturm wütete und 150 Jahre alte Eichen entwurzelte, war nicht nur er erschüttert. „Ich habe geweint. Damals war uns noch nicht klar, welche Folgen diese Verwüstung haben sollte.“ Das Altholz war zu umfangreich und die Forstverwaltung kam mit dem Aufräumen nicht mehr hinterher. In dieser Zeit vermehrten sich die Wildschweine exponentiell und fraßen die Eicheln. Der Wald schaffte es nicht mehr aus eigener Kraft, die verlorenen Eichen zu ersetzen. Gindraud: „Wir waren dabei, den für uns historischen Wert dieses Waldes zu verlieren. Also beschlossen wir als Firma, etwas zu tun.“
2021 wurde mit der staatlichen Forstverwaltung ONF (Office national des Fôrets) eine Partnerschaft zur Aufforstung eingegangen. Hennessy verpflichtete sich, innerhalb von fünf Jahren auf 25 Hektar des Forêt de la Braconne 27.000 Eichen zu pflanzen – auf eigene Kosten und in Eigenverantwortung. Parallel zu diesem Engagement rief der Cognac-Marktführer das Programm „Forest Destination“ ins Leben, innerhalb dessen bis 2030 ganze 50.000 Hektar Wald in Frankreich und an anderen Orten auf der Welt, wie zum Beispiel in Nigeria oder Südafrika, regeneriert werden sollen.

Ein Team, ein Ziel: die erfolgreiche Aufforstung
Für die Umsetzung der Ziele wurde sogar ein eigener Forstwirt eingestellt: Arthur Maudet organisiert im Herbst zusammen mit freiwilligen Mitarbeitern von Hennessy das Aufsammeln der Eicheln im Wald. Um eine erfolgreiche Aufforstung zu garantieren, müssen die Eicheln „genetisch“ perfekt und ohne Schaden sein. Nach einem eineinhalbjährigen Aufenthalt in der Baumschule kommen die kleinen Eichen im Frühjahr zusammen mit anderen Bäumen an ihren endgültigen Standort. „Für das Gleichgewicht des Waldes achten wir darauf, die Anpflanzungen zu durchmischen. Bienen interessieren sich zum Beispiel gar nicht für Eichen, aber wenn wir dazwischen einen blühenden Apfelbaum setzen, fördern wir die Biodiversität“, erklärt Maudet.

Wettlauf gegen die Zeit
Pro Jahr werden im Forêt de la Braconne auf diese Weise 4000 bis 5000 Bäume gepflanzt, zwei Drittel davon sind Eichen. Obwohl das Projekt gut vorangeht, ist es ein Wettlauf gegen die Zeit. „Die letzten beiden Jahre gab es kaum Eicheln, die wir nutzen konnten. Die Trockenheit setzt den Bäumen zu. Der Klimawandel ändert die Reproduktionszyklen der Bäume.“
Auch Benoît Gindraud machen diese Trockenperioden Sorgen. „Wie der Wald in Zukunft aussehen wird, ist die große Frage. Natürlich probieren wir bereits Bäume aus anderen Wäldern als Alternative aus. Wahrscheinlich können auch die Fassbinder künftig weniger wählerisch bei der Auswahl des Holzes sein. Noch wird jede Daube mit einem Astloch verschmäht, aber wenn der Wald weiter stirbt, müssen wir solche Mängel akzeptieren.“
Der Qualitätsexperte will dennoch nicht zu sehr schwarzsehen. Der Anfang sei gemacht. Das internationale Programm „Forest Destination“ hat Ende 2023 bereits 15.000 Hektar aufgeforstet, und in der Region Charente konnten auf lokaler Ebene umliegende Gemeinden für das Projekt sensibilisiert werden. Kinder aus Grundschulen haben sogar bei der Bepflanzung im Forêt de la Braconne mitgeholfen. Gindraud: „Wir müssen versuchen, eine Kultur zum Erhalt des Waldes an die Bevölkerung weiterzugeben und parallel einfach weiter Bäume pflanzen.“
