Foto: Stefano Casati / Grattamacco
Terroir: Der gute Grund
Es ist früher Nachmittag in München, die ersten Weißweine schimmern in den Gläsern, an den Verkostungstischen werden Notizen gemacht. Kein Publikumsevent, sondern ein reines Fachtreffen: Winzer erklären Sommeliers ihre Weinberge, Einkäuferinnen fragen nach neuen Jahrgängen, Journalisten vergleichen Herkünfte.
Die Roadshow „Weinkult(o)ur” machte in diesem Jahr zum fünften Mal Station in Deutschland – nach Hamburg und einem Zwischenstopp auf dem Weingut Baron Knyphausen in Eltville im Rheingau zuletzt in München. Nach Angaben der Organisatoren kamen mehr als 400 Fachbesucher aus Gastronomie, Handel und Hotellerie zusammen, verkostet wurden über 600 Weine.
Von der Küste bis in die Alpen
Der Normalverbraucher kommt hier nicht rein. Trotzdem lohnt ein Blick auf das, was an solchen Ständen tatsächlich verhandelt wird – denn es beantwortet eine Frage, die sich jeder schon einmal im Weinregal gestellt hat: Warum schmecken zwei Flaschen mit derselben Rebsorte auf dem Etikett manchmal so unterschiedlich?

Warum ein Brunello nicht wie der andere schmeckt
Ein Beispiel liefert der Vergleich zweier Brunello di Montalcino. Val di Suga und Poggio di Sotto bauen beide aus Sangiovese ihren Brunello aus, in derselben toskanischen Appellation. Der eine gilt als kraftvoll und strukturiert, der andere als filigran und von hoher Präzision. Der Unterschied liegt nicht im Etikett, sondern in Lage, Bodenzusammensetzung und im Stil des Weinguts – Faktoren, die sich nur erschließen, wenn man nachfragt oder gezielt vergleicht.
Noch deutlicher wird es bei der Nebbiolo-Traube. Im Piemont ergibt sie die bekannten, kräftigen Barolo- und Barbaresco-Weine. Im Valtellina, gut 250 Kilometer weiter nördlich in den lombardischen Alpen, wächst dieselbe Rebe auf steilen Terrassenlagen – und ergibt bei Erzeugern wie Nino Negri einen kühleren, feingliedrigeren, mineralischeren Wein. Höhenlage, Hangneigung und Temperaturunterschiede prägen den Charakter stärker als die Rebsorte selbst. Wer diesen Unterschied einmal im Glas hatte, liest ein Etikett danach anders.

Perlage, Säure, Reifecharakter
Auch bei Weißwein zeigt sich, wie stark die Nähe zum Meer den Geschmack prägt: Der Vermentino des Weinguts Lunae aus den Colli di Luni in Ligurien gilt seit Jahren als Referenz für die salzig-mineralische Note, die Rebsorten aus Küstenlagen häufig mitbringen – ein Kontrast zu Vermentino aus wärmeren, meerferneren Anbaugebieten. Und wie unterschiedlich ein einziges Weingut aufgestellt sein kann, lässt sich am Portfolio der Familie Tommasi ablesen, die von leichten Alltagsweinen bis zu konzentrierten Amarone-Stilen ein ganzes Spektrum venezianischer Weinbaukunst präsentiert.
Selbst bei Schaumwein wiederholt sich das Prinzip: Bottega stellte italienische Sekt- und Prosecco-Stile vor, die im direkten Vergleich mit den Champagnerhäusern Besserat de Bellefon und Gaston Burtin zeigten, wie unterschiedlich Perlage, Säure und Reifecharakter je nach Region und Herstellungsmethode ausfallen können.

Fragen ausdrücklich erwünscht
Diese Art von Wissen ist im Weinfachhandel öffentlich zugänglich – man muss nur gezielt danach fragen. Wer selbst herausfinden will, wie stark Lage und Klima den Geschmack prägen, kann im Fachhandel nach vergleichenden Verkostungen fragen: etwa zwei Brunello unterschiedlicher Erzeuger nebeneinander, oder ein Nebbiolo aus dem Piemont neben einem aus dem Valtellina. Der Unterschied zur Fachmesse ist am Ende nur die Zeit, die man sich nimmt – nicht der Zugang zum Wissen selbst.
Manufakturspezialitäten und ein Zehn-Kilo-Panettone
Neben dem Wein gehörte auch Kulinarisches zum Programm: Spezialitäten kleinerer italienischer Manufakturen, kuratiert vom Mailänder Anbieter Buon Gusto, sowie – als Premiere – die Feinbäckerei Flamigni, die in München einen zehn Kilogramm schweren Panettone präsentierte.
Winzer besuchen oder im Restaurant vergleichen: geht auch privat
Wer selbst diese Tiefe erleben will, muss dafür nicht auf eine Fachmesse-Einladung warten. Viele Weingüter in Italien, gerade die kleineren Familienbetriebe, freuen sich über Besuch von Weininteressierten und zeigen Weinberg und Keller bereitwillig selbst. Und auch ohne Reise lässt sich der Unterschied zwischen zwei Herkünften an einem gewöhnlichen Abend nachvollziehen: Wer beim nächsten Restaurantbesuch die Sommelière bittet, zwei Weine derselben Rebsorte aus unterschiedlichen Lagen nebeneinander einzuschenken, bekommt dieselbe Art von Erkenntnis, nur eben im Kleinen, und ganz ohne Fachausweis.

Über die Weinkult(o)ur
Die Weinkult(o)ur ist eine Fachmesse für italienische Wein- und Genusskultur und richtet sich an Sommeliers, Gastronomen, Händler und Fachjournalisten. Sie versteht sich als Ergänzung zu den großen internationalen Weinmessen und setzt auf persönliche Begegnungen und Verkostungen in kleinerem Rahmen.
Organisiert wird die Roadshow von GES Sorrentino, Brand Compendium und Buon Gusto. 2026 gastierte sie in Hamburg, Eltville und München.
Zu den teilnehmenden Weingütern und Marken zählten unter anderem Lunae, Tommasi, Val di Suga, Poggio di Sotto, Nino Negri, Bottega, die Champagnerhäuser Besserat de Bellefon und Gaston Burtin sowie die italienische Traditionsbäckerei Flamigni.