Foto: Grand Seiko
Das präziseste Argument
Die Zahl, mit der Grand Seiko bereits 2025 für Aufmerksamkeit sorgte, lautet unverändert: ±20 Sekunden Gangabweichung pro Jahr. Damals erhielt das sogenannte Spring-Drive-Kaliber 9RB2 die Bezeichnung U.F.A., kurz für Ultra Fine Accuracy, und wurde von Grand Seiko als das präziseste Armbanduhrwerk vorgestellt, das von einer Aufzugsfeder angetrieben wird.
Spring Drive nimmt innerhalb der Uhrmacherei eine besondere Stellung ein. Die Uhr wird von einer klassischen Aufzugsfeder angetrieben, nutzt für ihre Ganggenauigkeit jedoch die Präzision eines Quarzoszillators.
Die magische Zahl: plusminus 20
Außergewöhnlich ist weniger die Zahl selbst als die Perspektive, die sie eröffnet. Die meisten Armbanduhren sprechen bei ihrer Ganggenauigkeit in Sekunden pro Tag. Grand Seiko spricht von Sekunden pro Jahr.
Die eigentliche Neuheit der Watches and Wonders 2026 ist deshalb nicht die Genauigkeit. Die Herausforderung bestand darin, dieselbe Präzision in ein kompakteres Uhrwerk zu übertragen.

Das neue Kaliber 9RB1 misst lediglich 30 Millimeter im Durchmesser und 4,7 Millimeter in der Höhe. Dadurch konnte Grand Seiko eine Taucheruhr mit einem Gehäusedurchmesser von 40,8 Millimetern entwickeln. Es ist die bislang kleinste Taucheruhr der Marke.
Wer sich nicht täglich mit Uhrwerken beschäftigt, mag darin nur eine technische Randnotiz sehen. In der Uhrmacherei gilt jedoch oft das Gegenteil: Präzision zu erreichen ist das eine. Sie in ein kleineres Format zu übertragen, ohne Kompromisse bei Leistung, Robustheit oder Tragekomfort einzugehen, etwas anderes.
Ihr Name: Ushio
Der Name der Uhr lautet Ushio, das japanische Wort für Gezeiten. Die Zifferblätter zeigen ein Muster, das von den Meeren inspiriert ist, die den japanischen Archipel umgeben. Das blaue Zifferblatt folgt dem Farbverlauf des tief ins Meer einfallenden Lichts; das grüne ist der ruhigen, schwebenden Schönheit des flachen Küstenwassers nachempfunden.

Solche Bezüge sind bei Grand Seiko kein dekoratives Beiwerk. Seit Jahren schöpft die Marke ihre gestalterischen Themen aus Landschaften, Jahreszeiten und Naturphänomenen Japans. Schneefelder, Birkenwälder, Bergseen oder Kirschblüten werden in Strukturen, Oberflächen und Lichtstimmungen übersetzt. Einige dieser Vorbilder befinden sich unmittelbar vor den Manufakturen in Nagano und Iwate. Der Blick aus dem Fenster wurde bei Grand Seiko schon mehr als einmal zum Ausgangspunkt eines neuen Zifferblatts.
Die Nähe zur Kunst
Diese Verbindung zog Grand Seiko in diesem Jahr auch zur Milano Design Week, wo die Marke im Anschluss an Genf die Kunstausstellung „The Nature of Time“ bestritt. Drei japanische Künstler — der Interiordesigner Atsushi Shindo, der Washi-Meister Takakuni Kawahara und der Filmemacher Shingo Abe — interpretierten in der Galleria d’Arte Moderna „Il Castello“ im Brera-Viertel die Frage, was Zeit ist: nicht als Mechanismus, sondern als Naturphänomen. Lichtinstallationen, handgeschöpftes Papier, Wasserreflexionen. Keine Vitrine mit einer Uhr.
Dennoch entstand eine Verbindung zur Ushio. Die Ausstellung näherte sich dem Thema Zeit über Wahrnehmung und Natur. Die Uhr nähert sich derselben Frage über Präzision und Technik.
Installation „Pulse of Time“ von Atsushi Shindo. Im Zifferblatt einer Uhr verbirgt sich ein kleines Universum aus gebrochenem Licht und vielschichtigen Tiefen. Mit seiner Installation wollte der Künstler diese filigrane, mehrschichtige Welt zu einem räumlichen Erlebnis erweitern.Foto: Grand SeikoBeide Wege entspringen einem Verständnis von Zeit, das in der japanischen Kultur tief verwurzelt ist. Dort wird Zeit nicht nur gemessen, sondern auch beobachtet: in den Jahreszeiten, im Licht, in den Gezeiten und in den Veränderungen der Landschaft.
Wer in Genf die Ushio gesehen hatte, verstand in Mailand, warum die Uhr so heißt.

Die Grand Seiko Spring Drive U.F.A. Ushio 300 Diver (SLGB023 in Blau, SLGB025 in Grün), ist ab Juni 2026 erhältlich. Preis: 12.500 Euro.
Redaktion: Elke Reinhold (Genf) und Maria Chiara Teza (Mailand)
