Samstag, 30. Mai 2026
Samstag, 30.05.26
Logo Substantial Times
Magazin für modernes Leben
Zwei elegant gekleidete Menschen gehen während des Notting Hill Carnival eine Straße entlang. Im Hintergrund stehen und laufen weitere Passanten Foto: Sir Horace Ové
Photography and the Black Arts Movement im Getty Center Los Angeles

Das Recht am eigenen Bild

Über den Moment, in dem schwarze Künstlerinnen und Künstler begannen, die Darstellung ihrer Wirklichkeit nicht länger anderen zu überlassen.
Foto: Sir Horace Ové

Die Ausstellung Photography and the Black Arts Movement 1955–1985 im Getty Center in Los Angeles versammelt Arbeiten aus drei Jahrzehnten, in denen Fotografie zu einem Werkzeug kultureller Selbstermächtigung wurde.

Man reist vermutlich nicht eigens für diese Ausstellung nach Los Angeles. Doch sie lenkt den Blick auf eine Bewegung, die weit über die Kunst hinauswirkte. Ihre Fragen sind bis heute aktuell geblieben. Wer bestimmt die Bilder einer Gesellschaft? Und wer bleibt darin sichtbar?

Schwarzweißfotografie einer Gruppe afroamerikanischer Krankenschwestern in weißen Uniformen und Hauben. Die Frau im Vordergrund blickt direkt in die Kamera.
Der direkte Blick in die Kamera prägt viele Arbeiten der Ausstellung. Gordon Parks (1912–2006) fotografiert Ethel Sharrieff mit ruhiger Präsenz und großer formaler Strenge. Ethel Sharrieff in Chicago, 1963, National Gallery of Art, Washington, Corcoran Collection (The Gordon Parks Collection), 2015.Foto: Gordon Parks Foundation

In Kooperation mit der National Gallery of Art in Washington D.C. zeigt das Getty Center mehr als 150 Arbeiten von rund 100 Fotografen und Fotografinnen. Im Zeitalter allgegenwärtiger Bilder wird schnell vergessen, dass Fotografie lange Zeit nicht nur ein künstlerisches Medium war, sondern auch ein politisches Werkzeug. Eines, mit dem sich gesellschaftliche Gruppen selbst sichtbar machen konnten.

Die Ausstellung widmet sich genau diesem Moment der visuellen Selbstbehauptung. Die Fotografien und verwandte Arbeiten zeichnen nach, wie Künstlerinnen und Künstler während des Black Arts Movement (BAM) die Kamera nutzten, um eine neue Bildsprache schwarzer Identität zu entwickeln. Die Schau konzentriert sich auf die Periode von der Mitte der 1950er- bis in die 1980er-Jahre. Eine Zeit, in der Fotografie zunehmend zu einem Instrument der Selbstdefinition wurde.

Schwarzweißfotografie einer lachenden afroamerikanischen Frau an ihrem Arbeitsplatz in einer Textilfabrik.
Künstlerinnen und Künstler begannen den Alltag ihres Umfelds festzuhalten, jenseits der dramatischen politischen Ereignisse. Carrie Mae Weems zeigt keine Ikone der Bürgerrechtsbewegung, sondern den Alltag einer arbeitenden Frau. Mom at Work aus der Serie Family Pictures and Stories, 1978–84, National Gallery of Art, Washington, Alfred H. Moses and Fern M. Schad Fund, 2022.Foto: Carrie Mae Weems

Aus dieser Verbindung von kulturellem Selbstbewusstsein und politischer Erfahrung entwickelte sich in den 1960er-Jahren das Black Arts Movement. Frühere Generationen kämpften oft um Anerkennung innerhalb bestehender Institutionen. Künstlerinnen und Künstler dieser Bewegung wollten dagegen eigene Strukturen schaffen. Unabhängige Galerien, Magazine, Theatergruppen und Kunstkollektive wurden zu wichtigen Plattformen. Ziel war eine Kunst, die unmittelbar aus der Erfahrung schwarzer Communities hervorging.

Doppelportrait einer schwarzen Frau, deren Gesicht sich mit dem Bild einer älteren Frau überlagert
Während Massenmedien schwarze Menschen häufig in stereotypen Rollen darstellten, schufen Fotografen und Fotografinnen wie Coreen Simpson neue Formen fotografischer Selbstinszenierung. Self-Portrait, 1978, National Gallery of Art, Washington, Alfred H. Moses and Fern M. Schad Fund, 2024.Foto: Coreen Simpson

Die künstlerische Dynamik, die in der Ausstellung sichtbar wird, hat eine längere Vorgeschichte. Schon in den 1920er-Jahren entstand in New York eine Bewegung, die heute als Harlem Renaissance bezeichnet wird. Im Stadtteil Harlem entwickelte sich damals ein Zentrum afroamerikanischer Kunst und Literatur. Schriftsteller, Musiker und bildende Künstler versuchten ein modernes Bild schwarzer Kultur zu entwerfen. In der Fotografie zeigte sich dies vor allem in sorgfältig komponierten Portraits, die Eleganz, Bildung und urbane Modernität betonten. Statt exotisierender oder herablassender Darstellungen entstand eine Bildsprache, die Würde und Selbstbewusstsein ausstrahlte. Die Harlem Renaissance legte damit einen wichtigen Grundstein: Sie zeigte erstmals einer breiten Öffentlichkeit die afroamerikanische Kunst und ihre ästhetischen Anliegen.

Zwei elegant gekleidete schwarze Jugendliche mit Hüten lehnen vor einer ornamentierten Wand.
Eleganz, Stil und Körperhaltung wurden in der Zeit der Harlem Renaissance zu einer eigenen visuellen Sprache schwarzer Urbanität. Billy Abernathy (1938–2017) zeigt zwei Jugendliche mit filmischer Präsenz. Mother’s Day, 1962, aus der Serie Born Hip, The Art Institute of Chicago, Gift of the Illinois Arts Council.Foto: The Art Institute of Chicago / Art Resource, NY

In den 1950er- und 1960er-Jahren veränderte sich die Situation grundlegend. Die gesellschaftlichen Konflikte um Gleichberechtigung führten zum American Civil Rights Movement, dessen Ereignisse weltweit in Zeitungen und Magazinen dokumentiert wurden. Gleichzeitig entstand innerhalb afroamerikanischer Communities eine andere fotografische Praxis. Diese Arbeiten zeigen Nachbarschaften, Kirchen, Jazzclubs oder Familienfeste. Die Botschaft ist subtil, aber deutlich: Schwarzes Leben besteht nicht nur aus Konflikt, sondern auch aus Kultur, Kreativität und Gemeinschaft. Fotografie nahm in diesem Kontext eine besondere Stellung ein. Sie war relativ zugänglich, technisch flexibel und unmittelbar reproduzierbar. Dadurch konnte sie nicht nur in Galerien erscheinen, sondern auch in Magazinen, auf Plakaten oder in Büchern.

Demonstrierende versammeln sich auf einer Straße und tragen zahlreiche Schilder mit der Aufschrift „I AM A MAN“
Marsch der Sanitation Workers in Memphis Tennessee, die Arbeiter tragen Transparente mit der Aufschrift „I am a Man”. I Am a Man, Sanitation Workers Strike, Memphis, Tennessee, March 28, 1968, Ernest C. Withers (1922–2007), National Gallery of Art, Washington. Alfred H.
Moses and Fern M. Schad Fund.
Foto: Dr. Ernest C. Withers, Sr. courtesy of the Withers Family Trust

Photography and the Black Arts Movement zeigt eindrücklich, wie vielfältig diese fotografischen Strategien waren. Manche Bilder wirken spontan, fast journalistisch: Straßenszenen, improvisierte Portraits oder Momentaufnahmen von Musikern auf der Bühne. Andere Fotografien sind sorgfältig arrangiert und betonen Stil, Mode und Körperhaltung. Gerade diese Inszenierungen verweisen auf ein zentrales Anliegen der Bewegung: die bewusste Gestaltung von Identität.

In vielen Portraits blicken die fotografierten Personen direkt in die Kamera. Der Blick ist ruhig, manchmal herausfordernd. Solche Bilder vermitteln ein Gefühl von Selbstbestimmung. Sie stellen den fotografierten Menschen nicht als Objekt dar, sondern als selbstbewusste Persönlichkeit.

Besonders beeindruckend ist die Rolle der Musik in vielen Fotografien. Jazz, Soul oder Funk bilden den akustischen Hintergrund dieser visuellen Welt.

Silhouette der Sängerin Mahalia Jackson im Profil während eines Auftritts
Musikerinnen und Musiker erscheinen in vielen Arbeiten der Ausstellung als kulturelle Ikonen eines neuen Selbstbewusstseins. James E. Hinton (1936–2006) fotografiert Mahalia Jackson (1922–1972) fast wie eine Silhouette aus Licht und Stimme. Mahalia Jackson Singing at Rally, Soldier Field, Chicago, 1963, High Museum of Art, Atlanta. Purchase with funds from Jan P. and Warren J. Adelson.Foto: James E. Hinton

Die Stärke der Ausstellung liegt darin, Fotografie nicht nur als Dokument historischer Ereignisse zu präsentieren, sondern als eigenständige künstlerische Praxis. Die Bilder zeigen, wie visuelle Kultur Identität formt. Sie erzählen von Gemeinschaften, die sich selbst darstellen und ihre eigenen ästhetischen Maßstäbe entwickeln. So ist die Ausstellung im Getty Center mehr als eine historische Retrospektive. Sie zeigt, wie Bilder entstehen, wenn Menschen beginnen, ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Zwei junge Männer mit bemalten Gesichtern stehen bei einer Kundgebung. Auf der Stirn des Mannes im Vordergrund steht das Wort „VOTE“
Die Bürgerrechtsbewegung kämpfte nicht nur für rechtliche Gleichstellung, sondern auch für politische Teilhabe. Moneta Sleet Jr. (1926–1996) porträtiert zwei jugendliche Unterstützer des Selma March. Two Teenaged Supporters of the Selma March, 1965, Print um 1970, Saint Louis Art Museum, Missouri, Gift of the Johnson Publishing Company.Foto: Johnson Publishing Company

Die Ausstellung Photography and the Black Arts Movement 1955–1985 im Getty Center Los Angeles ist noch bis 14. Juni 2026 zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Der gleichnamige Katalog ist bei Yale University Press erschienen und auch im hiesigen Buchhandel erhältlich.

Zwei elegant gekleidete Menschen gehen während des Notting Hill Carnival eine Straße entlang. Im Hintergrund stehen und laufen weitere Passanten
Horace Ové fotografiert den Notting Hill Carnival in London nicht als Spektakel, sondern als öffentlichen Raum schwarzer Sichtbarkeit und Selbstinszenierung. Kleidung, Haltung und Bewegung prägen die fast filmische Atmosphäre des Bildes. Walking Proud, Notting Hill Carnival, um 1972, Print 2023, Inkjet print, National Gallery of Art, Washington, Alfred H. Moses and Fern M. Schad Fund.Foto: Sir Horace Ové

J.Paul Getty Museum

Das J.Paul Getty Museum wird vom J.Paul Getty Trust betrieben, einer der reichsten Kunstinstitutionen der Welt. Über den Hügeln von Los Angeles befindet sich in Brentwood das Getty Center, 1997 erbaut von dem Architekten Richard Meier. Der Bestand des Museums fußt auf der Privatsammlung des Ölmagnaten J.Paul Getty. Ursprünglich begründete Getty seine Sammlung im 20. Jahrhundert mit griechischen und römischen Antiken, europäischen Gemälden und Skulpturen sowie Fotografien aus aller Welt. Das Museum sieht sich heute als Ausstellungsraum für Kunst und Forschung - als Begegnungsstätte für Menschen, die das Wissen über Kunst und Kunstschaffende vertiefen möchten.

Mehr Informationen unter www.getty.edu

envelopeexit-upcrossarrow-up