Foto: Archiv René Kern
Ausgezeichnete Extravaganz
Eine goldene Frauenfigur im langen Gewand, die mit graziöser Geste einen Diamanten in ihrer Hand hält: Ein Juwelier oder Schmuckdesigner, der diese anmutige Trophäe mit nach Hause nehmen durfte, hatte es geschafft. Denn diese Plakette erhielten nur die Gewinner des Diamonds-International Award – eine Auszeichnung, die über Jahrzehnte als der begehrteste Preis der Schmuckwelt galt. In der Branche sprach man gar vom „Oscar“ des Schmucks, was viel über den Stellenwert des Wettbewerbs aussagt.
Ins Leben gerufen wurde der Diamonds-International Award 1953 von De Beers, dem damals international führenden Diamantenunternehmen; zum ersten Mal verliehen wurde der Preis im Jahr 1954. Sein Anspruch wurde für die Entwicklung von Diamantschmuck wegweisend: Der Diamant sollte nicht allein aufgrund seiner Seltenheit und seines materiellen Werts begehrt sein. Entscheidend sollte vielmehr sein, was ein Gestalter aus ihm macht. Der Wettbewerb suchte nach überraschenden Formen und außergewöhnlichen Möglichkeiten, Diamanten in Szene zu setzen.

Bühne für neue Ideen
In den 1960er- und 1970er-Jahren wurde der Award zum internationalen Schaufenster für modernes Schmuckdesign. Formen wurden abstrakter und skulpturaler, Oberflächen rauer, Gold durfte strukturiert erscheinen. Organische Gebilde standen neben streng geometrischen Entwürfen. Schmuck näherte sich der bildenden Kunst an und wurde zunehmend als eigenständiges Designobjekt verstanden.
Der Diamonds-International Award gab dieser Entwicklung eine Bühne. Gestalter konnten wagen, was in einer klassischen Kollektion zu mutig erschien. So wurden Persönlichkeiten wie der New Yorker Designer Henry Dunay oder der Genfer Juwelier Gilbert Albert populär.
Auch ein Traditionshaus wie Damiani aus Italien und sogar die Modeschöpferin Donatella Versace gehörten zu den Preisträgern. Am erfolgreichsten war der britische Designer Andrew Grima bei dem Wettbewerb. Seine expressiven, von Naturformen und ungewöhnlichen Strukturen geprägten Schmuckstücke brachen mit der traditionellen Juwelierästhetik und brachten ihm in den 1950er- und 1960er-Jahren insgesamt elf Diamonds-International Awards ein.

Auch andere später international bekannte Gestalter fanden über den Wettbewerb Aufmerksamkeit. Die Konkurrenz war entsprechend groß. Aus einer Vielzahl internationaler Einsendungen wurde nur eine kleine Zahl von Arbeiten ausgewählt. Zum Beispiel gingen 1998 über 2200 Entwürfe aus 43 Ländern ins Rennen und nur 25 wurden ausgezeichnet.
Die wilden Sechziger
In keinem Jahrzehnt lässt sich die Bedeutung des Awards besser beobachten als in den 1960er-Jahren. Denn plötzlich schien im Schmuck fast alles möglich. Die neue Freiheit, die sich auch in der Mode und in der Kunst zeigte, erreichte die Ateliers der Goldschmiede. Diamanten erschienen nicht länger ausschließlich in streng komponierten Colliers oder klassischen Solitären. Sie wurden Teil abstrakter Gebilde, organischer Strukturen und großer, selbstbewusster Schmuckobjekte.
Damit veränderte sich auch die Rolle des Gestalters. Hinter einem bedeutenden Schmuckstück stand nun immer häufiger eine erkennbare kreative Handschrift. Auch in Deutschland gab es Goldschmiede, die diesen Anspruch verkörperten. Der damals bekannteste arbeitete an der Düsseldorfer Königsallee: René Kern.

René Kern – von der Kö in die Welt
Der Goldschmiedemeister gründete sein Geschäft 1951 an der Königsallee. Von Anfang an setzte René Kern auf aufwendig gefertigte Unikate mit hochwertigen Diamanten und Farbedelsteinen. 1962 führte ihn diese Arbeit auf die internationale Bühne. Ein Diamantarmband aus seinem Atelier wurde mit dem Diamonds-International Award ausgezeichnet.
Die Trophäe bekam einen Ehrenplatz: Im Schaufenster des Geschäfts an der Königsallee wurde der Preis prominent zwischen den Schmuckstücken präsentiert. Für Kern war es der erste „Oscar“ – und es sollte nicht lange bei einem bleiben.

Blütenträume
Bereits im nächsten Jahr wurde Kern erneut mit dem Diamonds-International Award ausgezeichnet: 1963 erhielt er den Preis für ein Smaragd-Brillant-Collier mit dem Namen „Blütenträume“. Das Collier spiegelte eine seiner wichtigsten Inspirationsquellen wider: die Natur. In einem Fernsehinterview mit dem WDR in den 1960er-Jahren nannte er sie als bestimmendes Motiv seiner Arbeit. Dunkle Smaragde bilden den Rhythmus des Colliers, dazwischen entfalten sich helle, diamantbesetzte Elemente wie kleine Zweige und Blüten. Es ist kostbar und opulent, wirkt zugleich aber beweglich und beinahe lebendig. Natur wurde nicht naturgetreu kopiert, sondern in eine eigene Schmuckform übersetzt.

Die Nachricht von der zweiten Auszeichnung schaffte es wieder in die lokale Presse. „Düsseldorfer erhielt ,Oscar‘“, titelte eine der örtlichen Tageszeitungen. In dem Artikel hieß es, das Collier habe sich gegen mehr als tausend Arbeiten von über 50 Juwelieren aus aller Welt durchgesetzt. Ein Foto zeigt René Kern mit seiner Frau nach ihrer Rückkehr von der Preisverleihung aus New York: vor einem Flugzeug mit der Trophäe in Händen.

Prominente Kunden aus aller Welt
René Kern nutzte die internationale Aufmerksamkeit. Bereits 1958 hatte er eine Niederlassung in Frankfurt und 1962 eine Goldschmiedewerkstatt in Paris eröffnet. Später kamen zeitweise eine Boutique in der Rue Saint-Honoré in Paris und 1967 ein Geschäft an der noblen Brienner Straße in München hinzu.
Gleichzeitig wurde auch seine Kundschaft internationaler. Bereits 1958 hatte Soraya Esfandiary Bakhtiary, die frühere Kaiserin von Persien, ein Collier bei ihm erworben – ein berauschendes Juwel mit stattlichen Türkisen und Diamanten. In ihrem Nachlass befanden sich später noch weitere Schmuckstücke aus dem Atelier von René Kern, die im Mai 2002 bei der großen Versteigerung ihres Nachlasses in Drouot-Montaigne in Paris durch Éric Beaussant und Pierre-Yves Lefèvre unter den Hammer kamen.

Später arbeitete Kern unter anderem für König Hassan II. von Marokko, für Farah Pahlavi, Kaiserin des Iran, und Königin Sirikit von Thailand. Der Düsseldorfer Goldschmied bewegte sich zunehmend in jener internationalen Welt, zu der auch der Diamonds-International Award Zugang verschaffte.
Drei Entwürfe, ein Jahrzehnt
Noch interessanter als die prominenten Namen ist jedoch ein Vergleich der drei Schmuckstücke, mit denen Kern beim Diamonds-International Award erfolgreich war. Denn in ihnen lässt sich ein Stück Designgeschichte ablesen.
Das Diamantarmband von 1962 wirkt opulent und ausgesprochen feminin. Ein Jahr später übersetzt „Blütenträume“ Kerns Vorliebe für florale Formen in ein bewegtes Zusammenspiel von Smaragden und Diamanten.
Schließlich folgte 1969 ein weiterer Award für ein Armband, das auf den ersten Blick wirkt, als stamme es aus einer anderen gestalterischen Welt. Kleine kantige Elemente greifen ineinander und bilden eine breite, abstrakte Struktur um das Handgelenk. Das Florale ist einer fast architektonischen Geometrie gewichen. Licht, Fläche und Zwischenraum bestimmen die Wirkung. Zwischen dem ersten und dem dritten Award liegen gerade einmal sieben Jahre. Doch in diesen sieben Jahren hatte sich die Ästhetik des Schmucks grundlegend verändert.

Dass René Kern diese Veränderung mitgestaltete, zeigt dieser dritte Diamonds-International Award. Damit erreichte der deutsche Juwelier zugleich eine besondere Stellung innerhalb des Wettbewerbs: Nach seinem dritten Erfolg wurde René Kern 1969 zudem in die Diamonds International Academy aufgenommen und gehörte damit zu einem erlesenen Kreis international anerkannter Schmuckgestalter.
Inspiration für die ganze Welt
Der Award war zu diesem Zeitpunkt längst mehr als eine Preisverleihung. Die ausgezeichneten Schmuckstücke wurden zu Botschaftern einer neuen internationalen Designkultur.
Wie konsequent diese Idee verfolgt wurde, zeigt das Jahr 1967. Die Ausstellung der prämierten Arbeiten eröffnete Ende September in New York am United Nations Plaza. Im Oktober folgte die Goldsmiths’ Hall in London, anschließend Mailand; im November erreichten die Schmuckstücke schließlich Frankfurt.
Ein Entwurf konnte so innerhalb weniger Wochen auf mehreren internationalen Bühnen erscheinen. Lange bevor Bilder innerhalb von Sekunden um die Welt gingen, erzeugte der Wettbewerb seine eigene Form globaler Sichtbarkeit.

Darin lag ein wesentlicher Teil seines Einflusses. Die Diamonds-International Awards zeichneten Trends nicht nur aus – sie verbreiteten sie. Was eine internationale Jury als besonders innovativ auswählte, wurde ausgestellt, fotografiert und publiziert und konnte wiederum andere Gestalter inspirieren.
Für De Beers erfüllte der Wettbewerb damit noch einen weiteren Zweck. Er zeigte immer wieder, dass der Diamant nicht an eine bestimmte Ästhetik gebunden war. Er konnte klassisch oder avantgardistisch, zurückhaltend oder extravagant, organisch oder streng geometrisch sein. Während sich Mode und Geschmack veränderten, ließ sich der Stein immer wieder neu interpretieren.
Ein neuer Blick auf Schmuck
Der Erfolg des Konzepts überdauerte die wilden Sechziger. Auch in den folgenden Jahrzehnten blieb der Diamonds-International Award eine wichtige internationale Auszeichnung. Neue Generationen von Gestaltern traten an, die Formen änderten sich, und mit ihnen veränderte sich auch die Vorstellung davon, was zeitgemäßer Diamantschmuck sein konnte.
Die Dimensionen des Wettbewerbs blieben beeindruckend. Tausende Entwürfe wurden eingereicht, nur wenige ausgezeichnet. Die Preisverleihungen und Präsentationen rückten den Wettbewerb immer wieder in die Nähe von Mode, Kunst und internationalem Luxus.

Doch die Welt, die den Award hervorgebracht hatte, veränderte sich. Internationale Schmuckhäuser entwickelten zunehmend selbst eine starke gestalterische Identität. Designer wurden zu Marken, Luxuskonzerne zu globalen Kommunikationsmaschinen. Die Bühne, die ein internationaler Wettbewerb einst geboten hatte, entstand nun an vielen anderen Orten.
Um die Jahrtausendwende ging die Ära der Diamonds-International Awards zu Ende. Ein spektakulärer Schlusspunkt war die Millennium-Ausgabe: 29 ausgezeichnete Designer wurden 2000 bei einer Gala im Pariser Louvre gefeiert.
Danach wurde es still um den einstigen „Oscar“ der Schmuckwelt. Seine Wirkung lässt sich dennoch bis heute erkennen. Der Diamonds-International Award förderte Experimente, machte ungewöhnliche Entwürfe international sichtbar und half dabei, Schmuck aus den Grenzen überlieferter Konventionen zu lösen.

Zugleich dokumentieren die Siegerstücke den Wandel des Geschmacks: die Eleganz der Nachkriegszeit, die Experimentierlust der Sechziger, die expressive Opulenz der Siebziger und die immer stärker individualisierten Designsprachen der folgenden Jahre.
René Kerns drei preisgekrönte Entwürfe gehören zu den eindrucksvollen Zeugnissen dieser gestalterischen Aufbruchzeit.
Lesen Sie auch unseren Artikel Von der Königsallee in die Welt über René Kern und seinen Weg vom Düsseldorfer Juwelier zum Liebling der internationalen Society und Königshäuser.