Foto: Joel Von Allmen
Das Haus wagt eine andere Zeit
Auf den ersten Blick könnte es Marmor sein. Die glatte Oberfläche zeigt eine feine, unregelmäßige Maserung, die an Naturstein erinnert. Tatsächlich besteht sie aus einem Verbundwerkstoff mit geflochtenen Glasfasern, die an der Oberfläche mit Aluminium metallisiert sind. Darüber sitzt eine Keramiklünette, wahlweise in Weiß oder kräftigem Blau. Schon die Materialkombination verrät, dass Hermès bei seiner neuen H08 andere gestalterische Wege einschlägt als die klassische Uhrmacherei.
Seit ihrer Einführung 2021 gehört die H08 zur Uhrenkollektion des französischen Hauses. Ihre Form ist weder Kreis noch Quadrat, sondern bewegt sich dazwischen. Sanft gerundete Ecken nehmen dem 39 Millimeter großen Gehäuse die geometrische Strenge. Auch die eigens gestalteten arabischen Ziffern verzichten auf die gewohnte Typografie klassischer Armbanduhren. Ihre geschwungenen Konturen greifen die Form des Gehäuses auf und verleihen dem Zifferblatt eine starke grafische Erscheinung.

Das Zusammenspiel der Gegensätze macht den Reiz dieses Entwurfs aus. Ein technisch anmutender Werkstoff trifft auf weiche Linien, die unregelmäßige Struktur des Gehäuses auf präzise bearbeitete Keramik. Deren satinierter Sonnenschliff wird von spiegelpolierten Kanten eingefasst. So entstehen unterschiedliche Lichtreflexe, die der Uhr je nach Blickwinkel eine andere Wirkung verleihen.
Zwei Farben, zwei Charaktere
Die neue H08 erscheint in zwei Ausführungen, die trotz identischer Konstruktion erstaunlich unterschiedlich wirken. Die erste setzt ganz auf Weiß. Eine weiße Keramiklünette umrahmt das ebenfalls weiße, lackierte Zifferblatt. Die applizierten arabischen Ziffern und Zeiger heben sich in dezenten Grautönen davon ab. Ein kleiner orangefarbener Akzent an der Spitze des Sekundenzeigers durchbricht die monochrome Gestaltung.
Die zweite Variante setzt auf Bleu de Malte, ein tiefes Blau, das Hermès auch für das Kautschukarmband verwendet. Die farblich abgestimmte Keramiklünette und der blaue Ring auf dem Zifferblatt verleihen der Uhr eine deutlich grafischere Wirkung. Auch hier sorgen kleine orangefarbene Akzente für einen lebendigen Kontrast.

Während die weiße Version vor allem die Form und die feinen Unterschiede der Oberflächen betont, rückt die blaue die Gestaltung des Zifferblatts stärker in den Vordergrund. Gemeinsam ist beiden die Verbindung von Robustheit und Leichtigkeit, die bereits das ursprüngliche Konzept der H08 prägte.
Sportlichkeit in eigener Form
Hinter der ungewöhnlichen Gestaltung steckt eine durchaus funktionale Uhr. Das Gehäuse ist bis 10 bar wasserdicht, die Ziffern und Zeiger sind mit Super-LumiNova beschichtet und auch bei Dunkelheit ablesbar. Im Inneren arbeitet das mechanische Hermès-Manufakturkaliber H1837 mit automatischem Aufzug, einer Gangreserve von 50 Stunden und einer Datumsanzeige zwischen vier und fünf Uhr. Ein strukturiertes Kautschukarmband in Weiß oder Bleu de Malte ergänzt die jeweilige Ausführung.
Hermès versteht Zeit nicht allein als etwas, das gemessen, eingeteilt und kontrolliert werden muss. In seiner französischen Pressemitteilung formuliert das Haus einen Gedanken, der weit über die Uhrmacherei hinausweist: „La maison ose un autre temps“ – das Haus wagt eine andere Zeit. Gemeint ist eine Vorstellung von Zeit, die auch Raum für Fantasie, unerwartete Momente und persönliche Freiräume lässt.
Bei der H08 findet dieser Gedanke eine gestalterische Entsprechung. Die Uhr verzichtet weder auf mechanische Präzision noch auf Funktionalität. Doch sie zeigt, dass eine Armbanduhr nicht allein über ihre technischen Eigenschaften definiert werden muss. Auch die Art, wie sie gestaltet ist und wie wir sie wahrnehmen, gehört zu unserem Verhältnis zur Zeit.
„La maison ose un autre temps“ – das Haus wagt eine andere Zeit. So formuliert Hermès selbst seinen Anspruch, Zeit nicht nur zu messen, einzuteilen und zu kontrollieren, sondern auch Raum für Fantasie, unerwartete Momente und kleine Auszeiten zu schaffen. Bei der H08 findet dieser Gedanke eine gestalterische Entsprechung. Ihre Mechanik folgt den Regeln der Uhrmacherei, ihre Form dagegen nimmt sich Freiheiten. Zwischen Kreis und Quadrat, technischer Präzision und spielerischer Gestaltung entsteht eine Uhr, die nicht nur die Zeit anzeigt, sondern auch etwas darüber aussagt, wie Hermès sie versteht.