Foto: Sir Horace Ové
Das Recht am eigenen Bild
Die Ausstellung Photography and the Black Arts Movement 1955–1985 im Getty Center in Los Angeles versammelt Arbeiten aus drei Jahrzehnten, in denen Fotografie zu einem Werkzeug kultureller Selbstermächtigung wurde.
Man reist vermutlich nicht eigens für diese Ausstellung nach Los Angeles. Doch sie lenkt den Blick auf eine Bewegung, die weit über die Kunst hinauswirkte. Ihre Fragen sind bis heute aktuell geblieben. Wer bestimmt die Bilder einer Gesellschaft? Und wer bleibt darin sichtbar?

In Kooperation mit der National Gallery of Art in Washington D.C. zeigt das Getty Center mehr als 150 Arbeiten von rund 100 Fotografen und Fotografinnen. Im Zeitalter allgegenwärtiger Bilder wird schnell vergessen, dass Fotografie lange Zeit nicht nur ein künstlerisches Medium war, sondern auch ein politisches Werkzeug. Eines, mit dem sich gesellschaftliche Gruppen selbst sichtbar machen konnten.
Die Ausstellung widmet sich genau diesem Moment der visuellen Selbstbehauptung. Die Fotografien und verwandte Arbeiten zeichnen nach, wie Künstlerinnen und Künstler während des Black Arts Movement (BAM) die Kamera nutzten, um eine neue Bildsprache schwarzer Identität zu entwickeln. Die Schau konzentriert sich auf die Periode von der Mitte der 1950er- bis in die 1980er-Jahre. Eine Zeit, in der Fotografie zunehmend zu einem Instrument der Selbstdefinition wurde.

Aus dieser Verbindung von kulturellem Selbstbewusstsein und politischer Erfahrung entwickelte sich in den 1960er-Jahren das Black Arts Movement. Frühere Generationen kämpften oft um Anerkennung innerhalb bestehender Institutionen. Künstlerinnen und Künstler dieser Bewegung wollten dagegen eigene Strukturen schaffen. Unabhängige Galerien, Magazine, Theatergruppen und Kunstkollektive wurden zu wichtigen Plattformen. Ziel war eine Kunst, die unmittelbar aus der Erfahrung schwarzer Communities hervorging.

Die künstlerische Dynamik, die in der Ausstellung sichtbar wird, hat eine längere Vorgeschichte. Schon in den 1920er-Jahren entstand in New York eine Bewegung, die heute als Harlem Renaissance bezeichnet wird. Im Stadtteil Harlem entwickelte sich damals ein Zentrum afroamerikanischer Kunst und Literatur. Schriftsteller, Musiker und bildende Künstler versuchten ein modernes Bild schwarzer Kultur zu entwerfen. In der Fotografie zeigte sich dies vor allem in sorgfältig komponierten Portraits, die Eleganz, Bildung und urbane Modernität betonten. Statt exotisierender oder herablassender Darstellungen entstand eine Bildsprache, die Würde und Selbstbewusstsein ausstrahlte. Die Harlem Renaissance legte damit einen wichtigen Grundstein: Sie zeigte erstmals einer breiten Öffentlichkeit die afroamerikanische Kunst und ihre ästhetischen Anliegen.

In den 1950er- und 1960er-Jahren veränderte sich die Situation grundlegend. Die gesellschaftlichen Konflikte um Gleichberechtigung führten zum American Civil Rights Movement, dessen Ereignisse weltweit in Zeitungen und Magazinen dokumentiert wurden. Gleichzeitig entstand innerhalb afroamerikanischer Communities eine andere fotografische Praxis. Diese Arbeiten zeigen Nachbarschaften, Kirchen, Jazzclubs oder Familienfeste. Die Botschaft ist subtil, aber deutlich: Schwarzes Leben besteht nicht nur aus Konflikt, sondern auch aus Kultur, Kreativität und Gemeinschaft. Fotografie nahm in diesem Kontext eine besondere Stellung ein. Sie war relativ zugänglich, technisch flexibel und unmittelbar reproduzierbar. Dadurch konnte sie nicht nur in Galerien erscheinen, sondern auch in Magazinen, auf Plakaten oder in Büchern.

Moses and Fern M. Schad Fund.
Foto: Dr. Ernest C. Withers, Sr. courtesy of the Withers Family Trust
Photography and the Black Arts Movement zeigt eindrücklich, wie vielfältig diese fotografischen Strategien waren. Manche Bilder wirken spontan, fast journalistisch: Straßenszenen, improvisierte Portraits oder Momentaufnahmen von Musikern auf der Bühne. Andere Fotografien sind sorgfältig arrangiert und betonen Stil, Mode und Körperhaltung. Gerade diese Inszenierungen verweisen auf ein zentrales Anliegen der Bewegung: die bewusste Gestaltung von Identität.
In vielen Portraits blicken die fotografierten Personen direkt in die Kamera. Der Blick ist ruhig, manchmal herausfordernd. Solche Bilder vermitteln ein Gefühl von Selbstbestimmung. Sie stellen den fotografierten Menschen nicht als Objekt dar, sondern als selbstbewusste Persönlichkeit.
Besonders beeindruckend ist die Rolle der Musik in vielen Fotografien. Jazz, Soul oder Funk bilden den akustischen Hintergrund dieser visuellen Welt.

Die Stärke der Ausstellung liegt darin, Fotografie nicht nur als Dokument historischer Ereignisse zu präsentieren, sondern als eigenständige künstlerische Praxis. Die Bilder zeigen, wie visuelle Kultur Identität formt. Sie erzählen von Gemeinschaften, die sich selbst darstellen und ihre eigenen ästhetischen Maßstäbe entwickeln. So ist die Ausstellung im Getty Center mehr als eine historische Retrospektive. Sie zeigt, wie Bilder entstehen, wenn Menschen beginnen, ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Die Ausstellung Photography and the Black Arts Movement 1955–1985 im Getty Center Los Angeles ist noch bis 14. Juni 2026 zu sehen. Der Eintritt ist frei.
Der gleichnamige Katalog ist bei Yale University Press erschienen und auch im hiesigen Buchhandel erhältlich.

J.Paul Getty Museum
Das J.Paul Getty Museum wird vom J.Paul Getty Trust betrieben, einer der reichsten Kunstinstitutionen der Welt. Über den Hügeln von Los Angeles befindet sich in Brentwood das Getty Center, 1997 erbaut von dem Architekten Richard Meier. Der Bestand des Museums fußt auf der Privatsammlung des Ölmagnaten J.Paul Getty. Ursprünglich begründete Getty seine Sammlung im 20. Jahrhundert mit griechischen und römischen Antiken, europäischen Gemälden und Skulpturen sowie Fotografien aus aller Welt. Das Museum sieht sich heute als Ausstellungsraum für Kunst und Forschung - als Begegnungsstätte für Menschen, die das Wissen über Kunst und Kunstschaffende vertiefen möchten.