Samstag, 21. März 2026
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Magazin für modernes Leben
Porträt von Clément Lerouge-Bénard, Co-CEO von Molinard, mit Duftstreifen in der Hand Foto: Molinard
Molinard-CEO Clément Lerouge-Bénard im Interview

„Was bleibt, ist nicht der Duft. Sondern das, was er auslöst“

Ein Gespräch über Erinnerung, Identität und die Idee, jedem Menschen eine olfaktorische Signatur zu schenken.
Foto: Molinard

Traditionsunternehmen tun sich oft schwer mit der Gegenwart. Maison Molinard zeigt, dass es auch anders geht: Das französische Dufthaus verbindet seit Generationen handwerkliche Kontinuität mit zeitgemäßer Kreativität.

Die Bastide Molinard in Grasse, historischer Hauptsitz und Parfümmanufaktur des Hauses Molinard an der Côte d’Azur
Die Bastide Molinard ist der historische Hauptsitz des französischen Parfümhauses Molinard in Grasse, der Welthauptstadt des Parfüms an der Côte d’Azur. Seit 1849 in Familienbesitz, verbindet sie Manufaktur, Museum und handwerkliche Produktion, von der Destillation bis zur eigenen Savonnerie.Foto: Molinard

Für eine ganz besondere München-Edition ist CEO Clément Lerouge-Bénard aus Grasse nach Deutschland gekommen. Er führt das Haus in sechster Generation zusammen mit seiner Schwester Célia. Nur in diesem März öffnet Maison Molinard seine „Ateliers” außerhalb Frankreichs und bietet in einem Pop-up-Store exklusive Parfumkreations-Workshops an.

Wie gelingt es Molinard, seit mehr als 170 Jahren seine hohen Standards und ursprüngliche Begeisterung zu bewahren? Und was sind die Erfolgsfaktoren, die das Unternehmen zum lebendigen Kulturgut Frankreichs gemacht haben? Darüber spricht Clément Lerouge-Bénard im Substantial-Times-Interview.

Clément Lerouge-Bénard in einem Molinard Parfum-Workshop in München mit Duftessenzen und Arbeitsplätzen
Clément Lerouge-Bénard beim Aufbau der Molinard-Ateliers in München – erstmals außerhalb Frankreichs.Foto: Molinard

Substantial Times: Monsieur Lerouge-Bénard, Molinard wirkt gleichzeitig sehr traditionsbewusst und ausgesprochen modern. Wie schaffen Sie das?

Clément Lerouge-Bénard: Wir haben nie aufgehört, uns zu hinterfragen. Mein Vater hat vor über 30 Jahren mit unseren Workshops für Kundinnen und Kunden begonnen. Damals hat man ihm gesagt: Das geht nicht. Parfum gehört in die Hände von Parfümeuren. Aber er wollte das Gegenteil: Parfum zugänglich machen. Seitdem kann bei uns jeder sein eigenes Parfum kreieren. Und genau darin liegt für uns die Zukunft.

Also weg vom Produkt, hin zur Erfahrung?

Ein Duft ist nie nur ein Produkt. Es ist immer eine Emotion. Wenn man einen Duft riecht, passiert sofort etwas: Erinnerungen, Bilder, Gefühle. Dieser eine Moment, in dem ein Geruch plötzlich alles zurückholt. Und genau damit arbeiten wir.

Sie sprechen fast wie ein Archivar von Emotionen. Ist das über die Jahre gewachsen?

Wir haben über 30 Jahre Atelier-Erfahrung gesammelt und sehen sehr genau, welche Düfte mit welchen Emotionen verbunden sind. Viele Marken arbeiten mit Trends. Wir arbeiten mit Erinnerungen. Das ist ein großer Unterschied.

Gleichzeitig kommen jedes Jahr Tausende neue Düfte auf den Markt. Wie behauptet man sich in so einem Umfeld?

Es sind über 9000 neue Parfums pro Jahr. Und genau deshalb wird Persönlichkeit immer wichtiger. Wenn alles verfügbar ist, sucht man nach etwas, das wirklich zu einem passt.

Ist das auch der Grund, warum Grasse, einst die Heimat nahezu aller großen Parfumhäuser, gerade einen Aufschwung erfährt?

Absolut. Zahlreiche große Häuser sind in den 1980er-Jahren weggegangen, nach Paris oder in die Schweiz. Jetzt kommen viele zurück.

Molinard ist nicht gegangen.

Nein, wir sind nie gegangen. Wir arbeiten lokal, mit Partnern, die wir seit Generationen kennen.

Und trotzdem expandieren Sie?

Ja, aber Schritt für Schritt. Wir haben aktuell sechs eigene Boutiquen, alle in Frankreich, und wachsen kontrolliert. Wir glauben nicht daran, alles gleichzeitig zu machen. Wir haben noch 200 Jahre Zeit.

Was unterscheidet Ihre Boutiquen von klassischen Parfümerien?

Die Zeit. Die Erklärung. Parfum ist komplex, mit Kopf-, Herz- und Basisnoten. Das versteht man nicht in zwei Minuten. Deshalb nehmen wir uns Zeit für unsere Kunden. Das ist kein schneller Verkauf. Es ist ein Prozess.

Beratung wird also zum entscheidenden Faktor?

Es geht darum, jemanden zu begleiten. Man testet, wartet, riecht noch einmal. Und plötzlich versteht man einen Duft ganz anders.

Sie entwickeln inzwischen auch Duftsignaturen für Marken. Warum ist das so relevant geworden?

Weil Duft sofort wirkt. Noch bevor man etwas sieht oder liest. Viele Marken wollen heute eine eigene olfaktorische Identität. Wie ein Logo, nur emotionaler. Das schafft eine Verbindung, die sehr direkt ist.

Der berühmteste Duft Ihres Hauses hat genau das geschafft: „Habanita“. Warum funktioniert er bis heute?

Weil er eine Haltung transportiert. In den 1920er-Jahren stand Habanita für eine neue Weiblichkeit: unabhängig, selbstbewusst. Und das bleibt. Viele sagen heute noch: Meine Mutter hat ihn getragen. Diese Weitergabe über Generationen ist etwas sehr Besonderes.

Kann man so etwas planen, oder entsteht das eher zufällig?

Man kann Qualität schaffen. Aber ob ein Duft bleibt, entscheidet die Zeit.

Vier Parfumflakons der Molinard Kollektion La Fraîcheur mit violetten Glasakzenten und kupferfarbenen Verschlüssen
Frische als Komposition: Die Serie „La Fraîcheur“ verbindet klassische Zitrusnoten mit aromatischen und würzigen Facetten zu zeitgenössischen Düften.Foto: Molinard

Wie wird man eigentlich Parfümeur, ist es eher Wissenschaft oder eine Frage von Talent?

Beides. Man braucht eine starke Basis, es braucht auch Wissen in Chemie. Aber man braucht vor allem ein Gefühl. Nicht jeder kann gleich gut riechen. Und dann kommt Erfahrung dazu.

Sie führen Molinard gemeinsam mit Ihrer Schwester Célia – wie teilen Sie sich die Rollen, und was bedeutet es, in so einer Familiengeschichte zu arbeiten?

Wir sind alle in dieser Welt aufgewachsen, das prägt natürlich. Meine Schwester Célia verantwortet die kreative Richtung und arbeitet eng an den Duftkompositionen. Gleichzeitig arbeiten wir bewusst mit verschiedenen Parfümeuren zusammen. Unser Vater hat den Grundstein gelegt, etwa mit den Ateliers – wir führen das heute weiter, jeder mit seinem Schwerpunkt.

Wohin entwickelt sich die Branche?

In zwei Richtungen gleichzeitig. Einerseits werden Düfte intensiver – vielleicht auch, weil viele Menschen nach Corona weniger gut riechen. Andererseits wächst der Wunsch nach etwas Echtem. Etwas Persönlichem. Und genau darin liegt unsere Zukunft.

Molinard Parfum-Workshops: Der Weg zum Unikat

Die Workshops oder Ateliers von Molinard gehen deutlich weiter, als der Name vermuten lässt: Es geht dabei nicht nur darum, einzelne Essenzen auszuwählen, sondern auch um ihre präzise Dosierung – und genau hier entsteht der eigentliche Unterschied. Zwei Menschen können mit denselben Rohstoffen arbeiten und dennoch vollkommen unterschiedliche Düfte kreieren, weil jede einzelne Komponente in ihrer Menge variiert. Dabei werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer natürlich unterstützt, in München von Astrid Nicoud aus dem Headquarter in Grasse, die jedem einzelnen nach der Auswahl der Komponenten eine bis auf den Milliliter genaue Rezeptur notiert. Das Ergebnis ist eine eigenständige Komposition. Wer einen solchen Duft entwickelt, trägt am Ende tatsächlich etwas, das es so kein zweites Mal gibt – eine olfaktorische Signatur im wörtlichen Sinne.

Mit einer kleinen Rechnung wird die Dimension noch greifbarer: Wählt man aus 40 verschiedenen Ingredienzien im Schnitt fünf aus, ergeben sich bereits über 650.000 mögliche Kombinationen. Berücksichtigt man zusätzlich, dass jede dieser Essenzen in unterschiedlichen Mengen eingesetzt werden kann – etwa zwischen 1 und 12,5 Millilitern –, vervielfacht sich die Zahl exponentiell. Am Ende entstehen theoretisch weit über 100 Milliarden Kompositionsmöglichkeiten.

Oder anders gesagt: Wer hier seinen Duft kreiert, hat gute Chancen, der einzige Mensch auf der Welt zu sein, der genau so riecht.

Termine in München

Die Molinard-Workshops in München finden vom 23. bis 27. März statt, Anmeldung erforderlich.

Ort: My Brandboutique Pop-up, Reichenbachstraße 36, 80469 München.

Aus rund 40 Essenzen kreieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihren eigenen Duft, der als 50-ml-Flakon mitgenommen werden kann – inklusive gespeicherter Rezeptur zum Nachbestellen und persönlichem Diplom. Preis: 120 Euro.

So entsteht ein eigenes Parfum

Arbeitsplatz eines Parfum-Workshops bei Molinard mit Duftkarten, Pipetten und Essenzen auf einem Tisch
Arbeitsplatz eines Parfum-Workshops von Molinard mit Duftkarten, Pipetten und Essenzen. Dosierung und Balance werden im Workshop präzise festgelegt.Foto: Molinard
Workshop-Leiterin Astrid erklärt anhand der Duftpyramide die Duftkomposition bei einem Parfum-Workshop von Molinard
Zwischen Handwerk und Intuition: Astrid Nicoud aus dem Molinard-Headquarter in Grasse erkennt jede einzelne Essenz bereits am Geruch des Flakondeckels. Sie hilft im Workshop, aus vielen Möglichkeiten eine eigene Duftsignatur zu entwickeln.Foto: Molinard
Parfumflakon und Verpackung Atelier Classique 50 bei Molinard Workshop mit Unterlagen zur Duftkomposition
Am Ende steht ein eigener Duft – komponiert, selbst abgefüllt und mit persönlicher Rezeptur fortan in Grasse hinterlegt. Foto: Molinard

    Sechs Generationen, eine Handschrift

    Die Geschichte von Molinard ist zugleich die Geschichte einer Familie, die seit über 170 Jahren mit Parfum arbeitet und dabei konsequent unabhängig geblieben ist. Gegründet wurde das Haus 1849 von Hyacinthe Molinard in Grasse, wo zunächst florale Wässer und Eau de Cologne in einem kleinen Laden verkauft wurden. Über fünf Generationen hinweg wurde das Unternehmen weitergegeben und kontinuierlich ausgebaut – von den ersten Blütendüften über ikonische Kreationen wie Habanita in den 1920er-Jahren bis hin zu eigenen Produktionsstätten und einer bis heute genutzten Destillerie, deren Konstruktion auf Entwürfe von Gustave Eiffel zurückgeht. Besonders bemerkenswert: Molinard gehört zu den wenigen Parfumhäusern Frankreichs, die bis heute vollständig in Familienbesitz sind und ihr handwerkliches Wissen über Generationen hinweg weitergegeben haben.

    Célia Lerouge-Bénard mit einem XXL-Habanita-Parfumflakon von Molinard in einem Innenraum mit grünem Hintergrund
    Célia Lerouge-Bénard verantwortet die kreative Richtung des Hauses Molinard, dessen berühmtester Duft „Habanita” 1921 kreiert wurde.Foto: Molinard

    Heute wird Molinard von Clément Lerouge-Bénard gemeinsam mit seiner Schwester Célia Lerouge-Bénard geführt, die als kreative Leiterin die Duftentwicklung prägt. Ihr Vater, Jean-Pierre Lerouge-Bénard, hatte zuvor entscheidende Impulse gesetzt – unter anderem mit der Einführung der sogenannten Parfum-Ateliers in den 1990er-Jahren, die das Haus früh für ein breiteres Publikum öffneten.

    Ausgezeichnet mit der höchsten nationalen Ehrung als Entreprise du Patrimoine Vivant („Unternehmen des lebendigen Kulturerbes“), bewahrt Molinard sein seltenes Savoir-faire und erfindet sich dennoch jeden Tag neu, getragen von einer tiefen Leidenschaft für das Parfum.

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