Foto: Lucie Greiner
Vielschichtig. Im Boden wie im Denken.
Der Jahrgang 2025 gilt als vielversprechend: frühe Lese, kleine Beeren, hohe Aromenkonzentration. Für den Pfälzer Winzer Michael Andres ist das jedoch nur die sichtbare Seite eines langen Prozesses. Entscheidend sei nicht der einzelne Sommer, sondern der Zustand des Bodens, sagt er. Seit 2006 arbeitet er konsequent biologisch – aus Überzeugung und mit klarer Kritik an der Industrialisierung des Weinbaus.
Substantial Times hat mit ihm über Ertrag, Biodynamik und die Frage gesprochen, wie viel Natur moderner Weinbau zulässt.

Substantial Times: Herr Andres, wie ist die letzte Weinlese für Sie gelaufen?
Michael Andres: Die Ernte 2025 war für mich die früheste und schnellste überhaupt. Wir konnten bereits Mitte August die Trauben für die Sektgrundweine ernten und dann gleich mit der Lese der Stillweine fortfahren. Die Trauben waren so früh reif, weil nach dem trockenen Frühjahr im Juli ausreichend Regen fiel, sodass die Reben optimal reifen konnten. Die Trauben waren sehr gesund und die Qualität war, auch bei uns trotz geringerer Erträge, außerordentlich hoch.
Sie haben Weinbau und Önologie studiert und schon im Studium Ihren ersten Sekt entwickelt. Wie ist diese Spezialisierung entstanden?
Das war Teil des Studiums: Wir durften einen Grundwein mitbringen und zu Sekt mit der Méthode Champenoise veredeln. Das war die Initialzündung für die Lust auf Sektproduktion. Wir haben recht schnell gemerkt, dass wir nur mit Trauben vom eigenen Weinberg großartige Ergebnisse bekommen. So hatten wir den Prozess ganz von Beginn in der Hand. Deshalb haben wir von den Eltern Weinberge aus der Genossenschaft rausgenommen und mit neuen Rebsorten bepflanzt, in diesem Fall mit Chardonnay-Trauben.

Sie haben sich innerhalb von wenigen Jahren mit flaschenvergorenen Winzersekten einen Namen gemacht. Inwiefern unterscheidet sich Ihr Sekt von einem Champagner, und wo arbeiten Sie nach denselben Prinzipien?
Was wir machen, ist die klassische oder traditionelle Methode. Das entspricht der hochwertigen Champagner-Methode – nur eben mit Trauben aus der Pfalz. Auf dem deutschen Markt sind rund 97 Prozent der Sekte industriell hergestellt, und rund drei Prozent sind handgemachte Sekte, die aus eigenen Trauben vom Winzer selbst erzeugt wurden.
Wo liegt bei gleichen Methoden der entscheidende Unterschied?
Wir haben dieselben Stellschrauben wie in der Champagne. Was uns unterscheidet, ist vielleicht der Kreideboden, den es in der Champagne gibt. Unsere Böden sind Löss- und Lehmböden. Wir arbeiten mit denselben Faktoren wie die Winzer aus der Champagne und können daher auch Spitzenprodukte machen. Wir haben vor Kurzem unseren Sekt zum Robert-Parker-Weinranking eingeschickt und konnten da 96 Punkte erreichen. Das ist eine vergleichbare Punktezahl, die auch sehr gute Top-Champagner aus Frankreich erhalten.
Der Bruch mit der Bequemlichkeit
Sie haben 2006 auf biologischen Weinbau umgestellt. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?
Irgendwann griff die industrielle Landwirtschaft auf den Weinbau über. Man hat es sich einfach gemacht und Mineraldünger verwendet, die teilweise aus Erdöl hergestellt sind, wie Stickstoffdünger. Dann kriegt man zwar einen guten Ertrag, aber letztlich vernachlässigt man vollkommen das Bodenleben. Das heißt, wenn keine organische Masse umgebaut werden muss, dann verschwindet das Bodenleben, also die Regenwürmer, Insekten et cetera, und die Böden verarmen total.

Was bedeutet das konkret für die Rebe?
Die Bodenstruktur setzt aus organischer Masse langsam Stickstoff frei, damit die Pflanzen nicht zu schnell wachsen. Das ist das wichtigste Moment, mit dem wir im Weinberg arbeiten. Das heißt, wir müssen die Böden wieder in den alten Modus zurückbringen, das dauert ein paar Jahre. Aber dann kehrt die Rebe auch wieder in einen besseren, natürlichen Rhythmus zurück. Mit ständiger Stickstoff-Mineraldüngergabe würde die Rebe nicht rechtzeitig mit der Zellteilung aufhören. Dann bleibt sie zu lange im Wachstumsmodus, die Trauben platzen leichter auf, und die Rebe geht nicht so in die Reife, wie sie sollte.
Welche Auswirkungen hat das konkret auf die Vitalität der Reben?
Es wird ein stabileres System daraus. Pilzsporen werden zum Beispiel von natürlichen Mikroorganismen auf der Pflanze wieder besser abgebaut, dadurch ist das Potenzial an schädlichen Pilzen heruntergesetzt. Die Rebe ist vitaler, kann sich auch gegen Pilzkrankheiten oder Schädlinge wehren. Und das war und ist unser großes Ziel in den letzten 20 Jahren. Es ist eine Befriedigung und macht viel Spaß, wenn die Natur wieder zurückkommt.

Wasser wird zur Ressource
Wie beeinflusst Ihre Art der Bodenbewirtschaftung die Widerstandsfähigkeit gegenüber Dürre und Starkregen?
Man muss wissen, dass ein Regenwurmgang beim Starkregen sieben Liter Wasser aufnehmen kann. So können wir das Wasser von den immer öfter auftretenden Starkregen in den Boden reinholen und speichern. Es fließt nicht oberirdisch ab. Die Böden haben eine Krümelstruktur und können Wasser aufnehmen und verschlemmen oben nicht. Das heißt, das Wasser, was seltener kommt, kann besser vom Boden absorbiert werden. Und deshalb können wir dann auch trockene Phasen überstehen.
Sie produzieren ja in der Pfalz ausschließlich Naturweine auf biologischer Basis. Was verstehen Sie unter Biodynamik – und worin liegt für Sie ihr praktischer Nutzen?
Unter dem Begriff Biodynamik versteht man gebündeltes altes Wissen, das Naturwissen der Azteken, der Ägypter, aus dem asiatischen Raum, aus dem europäischen Raum. Leider wird man in der Winzerlehre oder im Studium mit diesem alten Naturwissen nicht konfrontiert. Man lernt eher alles über Dünge- oder Spritzmittel. Man sollte eher lernen, wie man im Weinberg arbeitet, damit man die ganze Chemie nicht braucht. Das hinzukriegen ist eine Riesenfreiheit!
Was heißt das ganz praktisch im Weinberg?
Das bedeutet die perfekte Bewirtschaftung vom Boden, die Wahl des perfekten Erntetages, ganz genaue Selektion, das heißt, per Handlese, keine falschen – also unreife oder pilzbefallene – Beeren mit reinbringen.

Durch Biodynamik zurück zum ursprünglichen Rhythmus
Biodynamik hilft unheimlich, weil wir auf Naturmittel zurückgreifen und damit der Natur ermöglichen sich selbst zu helfen. Wenn man Eichenrindenpräparat in den Kompost mischt, entsteht viel Calcium, das wichtig für die Pflanze ist. Das heißt, man geht weg von synthetischen Produkten und greift Stoffe auf, die die Natur bietet. Der Einsatz dieser Naturmittel hat keine Wartezeit vor der Ernte. Dahingegen braucht der Einsatz von Schwefel und Kupfer zeitlich einen gewissen Abstand zur Erntezeit. Wenn das System im Weinberg stabil ist, können wir diese Mittel minimieren.
Welche Rolle spielen dabei die Rhythmen der Natur?
Man arbeitet auch wieder mit den Rhythmen der Natur, wie Mondrhythmus zum Beispiel, der Mond bewegt sich in einer Ellipse um die Erde, ist also mal näher und mal weiter entfernt von der Erde, in diesen Zeiten hat er unterschiedliche Kräfte, die man nutzen kann: bei absteigendem Mond schneidet man die Reben, weil dann die Reservestoffe in der Pflanze bleiben, die mit dem Wasser im Rebholz Richtung Wurzel eingelagert werden.

Welche Rolle spielt Ihre N-Linie innerhalb Ihres Gesamtkonzepts?
Das ist die Fortsetzung des Weges der naturbelassenen Trauben vom Weinberg, der sich im Weinkeller fortsetzt: die natürlichen Hefen und Mikroorganismen, die sich auf den ungespritzten Trauben befinden, reichen aus, um die Weingärung zu starten, ohne dass man Hefen dazu kauft und in den Wein gibt. Das nennt man dann spontan vergoren, dies machen wir bei dem Sektgrundwein, aber auch bei unseren Weinen. Die N-Weine sind die Steigerung, sie sind im Holzfass vergoren, nicht filtriert, wir ziehen die Weine ganz klar von der Hefe ab, der Wein ist nicht trüb, vom Geschmack her eher klassisch.
Der sorgfältige Anbau von Wein verhindert ein Mengenwachstum bei gesteigerter Nachfrage. Damit verzichten Sie auf Gewinn zugunsten der Natur?
Das kann man nicht ganz so sagen, weil wir einen fruchtbaren Boden erzeugen. Und ein fruchtbarer Boden wird uns auch einen Ertrag bringen. Und wir streben nach einem Güteverhältnis, wo Qualität bei einer bestimmten Menge anfängt und bei Quantität irgendwo aufhört. Wenn wir uns bei rund 6000 Liter pro Hektar bewegen, haben wir das, was wir an Menge von unseren Weinbergen erwarten. Von daher stellt sich die Natur auf ein sinnvolles Maß ein. Und wir verzichten in dem Sinn nicht auf Ertrag, weil wir die Qualität vorziehen.
Qualität erfordert Grenzen
Wie erleben Sie die Wertschätzung für Bio-Weine – und welche Rolle spielen Förderungen dabei?
Unsere Kunden kaufen den Wein, weil sie eine gewisse Qualität auch in der Herstellung erwarten. Die kaufen auch andere Bioprodukte, weil die Natur ihnen wichtig ist und sie dafür gerne ein bisschen mehr investieren. Bei der Ansprache der Weinhändler und Gastronomen muss jeder Winzer jenseits der Arbeit im Weinberg und im Weinkeller seinen Stil erklären und hoffen, dass der besondere Einsatz erkannt wird. Unterstützt werden wir von der EU mit einer Hektarpauschale von rund 900 Euro. Damit kommt man nicht weit, aber wir würden auch ohne diese Prämie unseren Weg weitergehen.

Gibt es einen Wein aus Ihrem Sortiment, der Ihren Stil besonders gut widerspiegelt?
Schwer zu sagen, das hängt vom Moment ab. Und letztendlich habe ich ja das Weingut von null gestaltet und habe auch nur die Rebsorten gepflanzt, die mir Spaß machen. Ich trinke gerne einen Chardonnay N aus dem Holzfass, vielleicht zu einem schönen Risotto mit Pilzen. Das wäre vielleicht schon so ein Gericht, was jetzt in die Zeit passt. Im Sommer darf es auch gerne ein frischer Muskateller auf der Terrasse sein, der nur 11 Volumenprozent Alkohol hat. Und natürlich immer faszinierend sind für mich unsere Lagenrieslinge, bei denen wir versuchen den Charakter der Einzelparzelle in die Flasche reinzubekommen.
Weitere Infos:
Der Jahrgang 2025 verspricht Qualität bei geringerem Ertrag. In Ruppertsberg bei Deidesheim, an der Mittelhaardt, arbeitet Michael Andres seit über zwanzig Jahren daran, dass solche Jahre kein Zufall sind. Die Böden der Region – Löss, Lehm, Buntsandstein – reagieren sensibel auf Bewirtschaftung. Ihre Stabilität entscheidet darüber, ob ein vielversprechender Sommer auch langfristig trägt.
Instagram: @weingut.michael.andres