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Magazin für modernes Leben
René und Eleanor Kern an Bord eines Schiffes vor der Skyline von New York im Jahr 1958 Foto: Archiv Familie Kern (Fotograf unbekannt)
Juwelier René Kern

Von der Königsallee in die Welt

Königliche Kundinnen, internationale Designpreise und außergewöhnliche Juwelen: René Kern gehörte zu den bedeutendsten Juwelieren der deutschen Nachkriegszeit. Seine Kreationen, vor allem aus den 1960er- und 1970er-Jahren, sind heute gefragte Objekte bei großen Schmuckauktionen.
Foto: Archiv Familie Kern (Fotograf unbekannt)

Vor genau 75 Jahren gründete René Kern in Düsseldorf ein Schmuckhaus, das innerhalb weniger Jahre zu Weltruf gelangte. Er wurde einer der bedeutendsten Juweliere in Deutschland. Doch wer heute nach René Kern sucht, stößt schnell an Grenzen. Es gibt Informationen zu Angeboten bei Auktionen, aber nur dürftige biografische Angaben und noch seltener historische Fotografien. Mehr scheint von dem Mann, der in den 1960er- und 1970er-Jahren auch international für seinen Schmuck gefeiert wurde, nicht geblieben zu sein.

Doch das ist ein Phänomen unserer Zeit: Denn der Ruhm von René Kern entstammt jenen Jahrzehnten, die im digitalen Gedächtnis des Internets nur lückenhaft dokumentiert sind. Vielmehr findet sich der frühere Glanz des einst so bekannten Juweliers in alten Firmenkatalogen, vergilbten Presseberichten, Fernsehaufnahmen und Archiven.

Porträt des Düsseldorfer Juweliers René Kern im Profil aus den 1940er-Jahren
Der Düsseldorfer Juwelier René Kern auf einer Porträtaufnahme aus den 1940er-Jahren.Foto: Archiv Familie Kern (Fotograf unbekannt)

Das große Interesse an Schmuckstücken vergangener Jahrzehnte rückt nun auch René Kern wieder in den Blick. Denn Vintage-Schmuck wird neu betrachtet. Sammler suchen signierte Arbeiten, individuelle Gestaltung und handwerkliche Qualität. Die experimentellen Entwürfe der Nachkriegsjahrzehnte erhalten neue Aufmerksamkeit. Namen wie Andrew Grima, Jean Schlumberger oder Gilbert Albert sind ebenfalls Teil dieser Neubewertung. René Kern gehört in dieselbe Epoche – mit einer Geschichte, die in Deutschland fast vergessen ist.

Das gilt jedoch nicht unter Kennern: Bei Auktionen erzielt Schmuck aus den Ateliers von René Kern hohe Preise, die bisweilen die Schätzpreise weit übertreffen. Ein Platin-Diamant-Ring von René Kern wurde im Mai 2026 beim Kölner Auktionshaus Van Ham für mehr als 46.000 Euro verkauft. Geschätzt hatten ihn die Schmuckspezialisten auf 30.000 Euro. Auch eine um 1960 im Pariser Atelier von René Kern gefertigte Paradiesvogel-Brosche erzielte bei Van Ham im Mai 2026 einen Verkaufspreis weit über der Schätzung: Das mit Diamanten, Rubinen, Türkisen und weiteren Farbsteinen besetzte Schmuckstück wurde für 22.440 Euro inklusive Aufgeld versteigert – bei einem Schätzpreis von lediglich 3.000 Euro.

2022 erzielte ein Blumencollier mit Farbsteinen von René Kern bei einer Schmuckauktion des Wiener Auktionshauses Dorotheum mehr als 35.000 Euro. Es war damit das teuerste Los der Auktion und übertraf sogar den Verkaufspreis eines Brillant-Colliers von Cartier. Auch das Kölner Auktionshaus Lempertz bietet regelmäßig Schmuck von René Kern an. Eine filigran gearbeitete, mit Diamanten besetzte Schmetterlingsbrosche erzielte dort knapp 12.000 Euro.

Modenschau mit Schmuck von René Kern an Bord eines Schiffes während einer Reise mit der Zeitschrift Madame nach New York im Jahr 1958
Schmuckpräsentation auf hoher See: 1958 stellte René Kern seine Kreationen bei einer Modenschau an Bord eines Schiffes auf einer von der Zeitschrift Madame organisierten Reise nach New York vor. Foto: Archiv Familie Kern (Fotograf unbekannt)

Französischer Charme erobert Düsseldorf

Die Geschichte des Juweliers, der diese Preziosen entwarf, begann recht unspektakulär mit der Gründung eines eigenen Unternehmens am weniger prominenten Ende der Düsseldorfer Königsallee. Damals war René Kern knapp 33 Jahre alt. Er besaß die französische Staatsbürgerschaft – ein Erbe seines aus dem Elsass stammenden Vaters –, hatte jedoch fast sein ganzes Leben in Deutschland verbracht. Mit seinem ausgeprägten Sinn für Stil und Mode passte Kern in eine Zeit, in der sich auch Düsseldorf neu erfand. In den Wirtschaftswunderjahren wurde die Königsallee zur Bühne eines neuen Wohlstands – und René Kern zu einem ihrer Protagonisten.

René Kern mit vier Goldschmieden bei der Arbeit in seiner Werkstatt an der Düsseldorfer Königsallee in den 1950er-Jahren

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Foto: Archiv Familie Kern (Fotograf unbekannt)
René Kern in den 1950er-Jahren mit Mitarbeitern in seiner Goldschmiedewerkstatt an der Düsseldorfer Königsallee. Foto: Archiv Familie Kern (Fotograf unbekannt)

1956 bezog der Juwelier die repräsentative Adresse Königsallee 26 in der Mitte der Straße. Zwei Jahre später eröffnete er eine Niederlassung in Frankfurt. Es folgten eine Werkstatt und zeitweise eine Boutique in Paris, später ein Geschäft in München. Anfang der 1960er-Jahre beschäftigte das Haus zahlreiche Goldschmiede und Gestalter in mehreren Ateliers.

Royale Kundschaft

Mit der Größe des Unternehmens wuchs die Prominenz der Kundschaft. Zu ihr gehörten Angehörige europäischer und außereuropäischer Königshäuser ebenso wie Industrielle, Unternehmer und die internationale Gesellschaft. Eine besondere Kundin war Soraya Esfandiary Bakhtiary (1932–2001), die frühere Kaiserin von Persien. 1958 kaufte sie bei Juwelier Kern in Düsseldorf ein Collier mit leuchtend blauen Türkisen. Im Laufe der Jahre folgte der Kauf weiterer Kreationen von Kern, die nach dem Tod von Soraya im Mai 2002 bei einer großen Auktion durch Éric Beaussant und Pierre-Yves Lefèvre in Paris verkauft wurden.

Kunstvoll gestaltete Tischuhr und dekoratives Objekt von René Kern aus Gold und Edelsteinen
Neben Schmuck fertigte René Kern auch kunstvoll gestaltete Objekte und Tischuhren für seine Kundinnen und Kunden.Foto: Archiv Familie Kern

Auch Königin Sirikit von Thailand (1932–2025) besaß ein Stück aus Kerns Werkstatt: eine kleine Tischuhr mit Brillantzeigern und Ziffern aus Saphiren, ein Geschenk des deutschen Bundespräsidenten. Fragte die Presse nach weiteren prominenten Namen, hielt sich Kern allerdings bedeckt. „Ein Juwelier muss diskret sein“, lautete seine Antwort.

Preisgekröntes Design

Dennoch brachten ihm seine Entwürfe internationales Renommee: 1962 wurde ein von René Kern entworfenes Armband mit dem Diamonds-International Award ausgezeichnet. Der Preis wurde im Rahmen eines der wichtigsten Wettbewerbe für zeitgenössisches Diamantschmuckdesign vergeben, den das Diamantunternehmen De Beers ausrichtete.

Bereits im folgenden Jahr erhielt das Collier „Blütenträume“ aus Smaragden und Diamanten einen weiteren Diamonds-International Award. Rund 1200 Arbeitsstunden steckten in dem Schmuckstück, das damals 130.000 D-Mark kostete. 1969 folgte ein dritter Diamonds-International Award für ein Diamantarmband. Als dreifacher Preisträger wurde Kern im selben Jahr in die Diamonds International Academy in New York aufgenommen, einen exklusiven Kreis ebenfalls mehrfach ausgezeichneter Schmuckgestalter.

Collier „Blütenträume“ von René Kern aus dem Jahr 1963 mit Smaragden und Diamanten
1963 erhielt René Kern für sein Collier „Blütenträume“ den Diamonds-International Award. Foto: Archiv Familie Kern

Gerade die preisgekrönten Arbeiten zeigen, dass der Stil von René Kern mit der Zeit ging. Das Collier „Blütenträume“ von 1963 lebt von floralen Formen; Smaragde und Diamanten legen sich scheinbar schwerelos um den Hals. Das 1969 prämierte Armband wirkt dagegen wesentlich abstrakter: kantig, geometrisch, beinahe architektonisch. Kern nahm die Veränderungen des Schmuckdesigns der 1960er-Jahre auf, ohne dabei seine eigene Vorstellung von einem Juwel aufzugeben.

Schmuckkomposition von René Kern aus dem Jahr 1964 mit mehreren farbenfrohen Vogelbroschen an einem verzweigten Baum
In den 1960er-Jahren waren Broschen beliebte Schmuckstücke. René Kern entwarf 1964 diese farbenfrohen Vogelbroschen.Foto: Archiv Familie Kern

Im Mittelpunkt seiner Arbeit standen für René Kern edle Farbsteine und Diamanten. „Ich komponiere gerne mit dem Stein“, erklärte Kern 1963 in einem Interview des WDR. Das Metall sollte sich möglichst zurücknehmen und lediglich die Aufgabe übernehmen, die Edelsteine zu halten und ihnen jene Position zu geben, aus der sich die plastische Wirkung des Schmuckstücks entwickelte. „So etwas sieht einfach aus“, sagte Kern über diese Art der Gestaltung, „aber es ist sehr kompliziert auszuführen.“

Hochste Ansprüche an die Naturalien

Bereits in den 1950er-Jahren bereiste René Kern die Welt, um ausgefallene und einzigartige Edelsteine kaufen zu können. Die Steine suchten René Kern und sein Team sorgfältig aus. Zum Einkauf reiste man nach Kolumbien, Indien, Ceylon (heute Sri Lanka) und Burma (heute Myanmar). „Wir erwerben nur erstklassige Steine, die einer erstklassigen Verarbeitung wert sind“, hieß es selbstbewusst im Katalog. 1963 war hier eine imposante Zahl zu lesen: Allein in diesem Jahr seien in den Kern-Werkstätten 57.893 Edelsteine verarbeitet worden.

René Kern begutachtet auf einer seiner Reisen in den 1950er-Jahren Edelsteine auf seiner Handfläche
Auf der Suche nach besonderen Edelsteinen führten René Kern seine Einkaufsreisen bereits in den 1950er-Jahren unter anderem nach Kolumbien, Indien, Ceylon und Burma.Foto: Archiv Familie Kern

Auch die Punzen der Schmuckstücke erzählen viel über das Selbstverständnis des Hauses. Neben „Kern“ finden sich Materialangaben, Werkstattnummern und die Zeichen der Goldschmiede und Gestalter, die an einem Stück gearbeitet haben. „Kern Paris“ verwies auf das Pariser Atelier; „Kern Mounting“ kennzeichnete Arbeiten, die bei Kern entworfen und gefertigt worden waren, deren Steine jedoch von Kundinnen oder Kunden stammten.

Dabei war Kern keineswegs nur der Lieferant spektakulärer Einzelstücke für Millionäre und Königshäuser. Ein Katalog jener Jahre bot auch erschwinglichere Stücke an. Ein Schmuckclip etwa kostete damals 315 D-Mark oder ein Ring mit Farbstein 2.537 D-Mark. Am anderen Ende der Skala stand allerdings ein Collier für 450.000 D-Mark.

Rosafarbene Blütenbrosche mit goldenen Blättern und Edelsteinbesatz aus dem Atelier von René Kern
Blütenbrosche aus dem Atelier von René Kern aus dem Jahr 1964. Die Natur war für den Düsseldorfer Juwelier eine wichtige Inspirationsquelle.Foto: Archiv Familie Kern

René Kern entwarf nicht nur fantasievolle Schmuckstücke, sondern schuf auch die passende kreative Umgebung. Er verstand früh, dass Luxus nicht allein vom Produkt lebt, sondern auch von seiner Inszenierung. Gemeinsam mit Pariser Couturiers präsentierte er Mode und Juwelen, lud die Düsseldorfer Gesellschaft zu Kunstausstellungen und zeigte neben eigenen Kreationen auch Schmuck internationaler Häuser. Bei der Eröffnung der Frankfurter Niederlassung 1958 reisten Mannequins des Pariser Couture-Hauses Maggy Rouff an und trugen bei einem Empfang im Schlosshotel Kronberg die Kostbarkeiten von René Kern. Damals spektakulär: Eine der Frauen trug Schmuck im Wert von insgesamt mehr als einer Million D-Mark.

Auch auf der Königsallee wusste Kern Aufmerksamkeit zu erzeugen. Mitte der 1960er-Jahre funkelte in seinem Schaufenster ein Weihnachtsbaum, geschmückt mit Diamanten, Smaragden und Perlen im Millionenwert.

Andere Schlagzeilen waren ungewollt: Ein verschwundener Smaragd im Wert von 200.000 Mark beschäftigte 1958 sogar Interpol, bis sich herausstellte, dass ein amerikanischer Millionär ihn aus Versehen nach einer Präsentation mitgenommen hatte. 1961 dann ein echter Kriminalfall: Bewaffnete Männer überfielen das Geschäft in der Düsseldorfer Königsallee und erbeuteten Juwelen im Wert von mehreren Millionen Mark. Sie hatten jedoch nicht lange Freude daran: Nach rund einer halben Stunde waren die Täter gefasst und die Beute sichergestellt.

Pferdekopfbrosche von René Kern aus dem Jahr 1969 mit blau emailliertem Kopf, goldener Mähne und Brillanten
Ein Pferdekopf mit blau emailliertem Gesicht, einer üppigen goldenen Mähne und Diamanten: Mit dieser Brosche aus dem Jahr 1969 zeigt René Kern, wie er Tiermotive in ausdrucksstarke Schmuckstücke verwandelte.Foto: Archiv Familie Kern

Eine der ungewöhnlichsten Geschichten aus Kerns Werkstatt führt in die Kunstgeschichte. 1962 fertigte das Haus für einen Düsseldorfer Gastronomen eine goldene Nachbildung der russischen Zarenkrone. Zwanzig Jahre später ließ Joseph Beuys das kostbare Objekt im Umfeld der documenta 7 zerlegen, einschmelzen und aus dem Gold einen Hasen gießen. So wurde eine Kreation des Juweliers zum Teil eines Kunstwerks von Beuys.

Goldene Zarenkrone von René Kern mit Perlen, farbigen Edelsteinen und einem kreuzförmigen Aufsatz
Ein ungewöhnlicher Auftrag: 1962 fertigte René Kern für den Düsseldorfer Gastronomen Helmut Mattner eine reich verzierte „Zarenkrone“, in der dieser seinen Gästen Getränke servierte.Foto: Archiv Familie Kern
Eine Frau hält die reich verzierte Zarenkrone von René Kern, während ein Mann Champagner hineingießt
Die „Zarenkrone“ im Einsatz. Zwanzig Jahre nach ihrer Entstehung wurde das kostbare Stück 1982 im Rahmen einer Kunstaktion von Joseph Beuys eingeschmolzen. Foto: Archiv Familie Kern (Fotograf unbekannt)

So kostbar Kerns Arbeiten waren, behandelte er sie offenbar ausgesprochen unsentimental. Zeitgenössische Berichte erzählen vom „großen Schmucksterben“, das alle zwei Jahre stattgefunden haben soll: Stücke, die sich nicht verkauft hatten, wurden eingeschmolzen. Edelsteine und Edelmetalle wurden in der Werkstatt zu neuen Schmuckstücken verarbeitet.

Das Ende einer Ära

Ende der 1970er-Jahre endete die Geschichte René Kerns als selbstständiger Juwelier. Gesundheitlich stark angeschlagen, verkaufte er 1979 sein Unternehmen an das traditionsreiche britische Schmuck- und Silberwarenhaus Mappin & Webb und verließ es.

Der Name blieb zunächst bestehen. 1987 übernahm die deutsche Juwelierkette Christ die René Kern GmbH; später ging Christ an die Douglas-Gruppe. Damit verschwand Kern als eigenständiges Schmuckhaus schrittweise aus jener Welt, in der der Name über Jahrzehnte so präsent gewesen war.
René Kern selbst starb 1992 in Baden-Baden.

Ein neuer Blick auf außergewöhnliche Juwelen

Dass sein Name heute weit weniger bekannt ist als der mancher internationalen Zeitgenossen, steht in eigentümlichem Gegensatz zu seiner damaligen Bedeutung. Seine Karriere führte vom kleinen Goldschmiedebetrieb der Nachkriegszeit zu Geschäften und Ateliers in mehreren europäischen Städten. Seine Kunden kamen aus Königshäusern und Unternehmerfamilien, seine Juwelen wurden in New York prämiert und in Paris gefertigt.

Collier von René Kern aus dem Jahr 1964 mit einem großen grünen Smaragd, umgeben von Diamanten
Ein großer Smaragd, umgeben von einem Kranz aus Diamanten: Das Collier wurde 1964 im Atelier von René Kern gefertigt.Foto: Archiv Familie Kern

Sie standen für eine Epoche, in der sich das Tragen von Schmuck und das Schmuckdesign veränderten. 75 Jahre nach der Gründung seines Düsseldorfer Hauses lohnt deshalb ein zweiter Blick auf René Kern. Nicht nur wegen der großen Namen, verschwundener Smaragde, eines Millionenraubs und königlicher Kundinnen. Sondern wegen der Juwelen, die sein Erbe sind.

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